Paul Jaray and the Shape of Necessity
6.11.2021 – 30.1.2022
with works by:
- Fritz Lang
- documents by Le Corbusier
- Man Ray
- Ant Farm
- Paco Marcial
- Siegfried Ebeling
- Étienne-J. Marey
- Buckminster Fuller
- Bruno Munari
- General Idea
- Isamu Noguchi
- Richard Hamilton
- Eduardo Paolozzi
- John Heartfield
- Cesare A. Poggi
- Allan Kaprow
- Fritz Schleifer
- Oskar de Kiefte
- Alexander Stollberg
- Germaine Krull
- Florian Süssmayr
- Alfred Kubin
- Blaise Tobia
Architektur der Geschwindigkeit - Sechs Kernpunkte
Diese Ausstellung ist schon lange überfällig und findet nun zum richtigen Zeitpunkt statt: Die Erfindung der wissenschaftlichen Gestalt des Automobils liegt mit der ersten diesbezüglichen Patentanmeldung Paul Jarays von 1921 genau hundert Jahre zurück.
Im Verlauf dieses Jahrhunderts hat sich die gesellschaftliche Stellung zur massenhaften Individualmobilisierung zum Entgegengesetzten verkehrt: Sie begann als Vorstoß progressiver Intellektueller, dem Proletariat, das den Großteil der Bevölkerung stellte, mit der motorisierten Freizügigkeit auch einen Anteil an persönlicher Freiheit zu verschaffen. Die nationalsozialistische Herrschaft eignete sich im Willen, ihrer Modernität Ausdruck zu geben, diese Idee an. Heute erkennt man im Typ des privaten Fahrzeugs nur mehr den Schaden, den es am Ganzen der Weltgemeinschaft anrichtet.
Es ist erklärungsbedürftig, warum Paul Jaray als Urheber so vieler Innovationen der technischen Grundlagenforschung 1974 mittellos und anonym starb. Der Grund dafür lag in der Auslöschung seiner Autorschaft im Zuge der Judenverfolgung des deutschen Faschismus.
Umgekehrt bedarf es einer Erklärung, warum es ausgerechnet die Avantgarde im Feld der Kunst war – etwa in der documenta 6 im Jahre 1977 –, die sich dem auf seinem eigenen Gebiet vergessenen Paul Jarays als exemplarischen und zentralen Vertreter einer technischen Utopie wieder entsann.
ARCHITECTURE OF SPEED
Laufzeit: 6. November 2021 – 30. Januar 2022
Öffnungszeiten: 10:30–12:30, 14:30–18:30
Diese Erklärungen leistet dieses Projekt. Dem theoretischen Anspruch steht die Schönheit der Formentwürfe Paul Jarays gegenüber, die in Modellen, Abbildungen und einem dramatischen lebensgroßen Rekordwagen vorgestellt werden. Noch nie zuvor war er in der Version zu sehen, die im Februar 1935 auf der Autobahn Florenz-Meer einen erfolgreichen Geschwindigkeitsrekord aufstellte.
Paul Jaray war nicht nur der erste, der die mathematische Optimierung der Strömungsmechanik des Fahrzeugkörpers propagierte, sondern stellte bereits Ende der 20er-Jahre Überlegungen zu alternativen Energiekonzepten an.
Paul Jarays Maxime: „Beseitigen oder stromlinienförmig gestalten!“
Einführung des Kurators
Paul Jaray (1889–1974) wurde mit der gerade hundert Jahre zurückliegenden Patentanmeldung von 1921 zum ersten und entscheidenden wissenschaftlichen Pionier der Aerodynamik des Automobils. Er gab dem bodengestützten Fahrzeug die naturwissenschaftlich begründete Gestalt. Doch heute Jarays Rolle als Wegbereiter des Automobils zu reflektieren, heißt, vom nunmehr gesellschaftlich etablierten Status des Bewusstseins einer geschichtlichen Obsoletheit, in die die massenhafte Individualmobilität geraten ist, zurückzublicken auf den diametral entgegengesetzten Moment ihrer heroischen Epoche. Die Idee des Autos stand nämlich für eine linke Sozialutopie: Die Massen sollten in einer geradezu systemtranszendierenden Erlösungsphantasie mittels technischen Fortschritts motorisch befreit werden.
In all seinem technik-optimistischen Furor, der ihn im Tenor des Futuristen Marinetti programmatisch ausrufen ließ, ahnte Jaray dies viel früher als seine Gesellschaft. Seine Gründe liegen in der Geschichte der politischen Umstände, denen die produktivste Phase in Jarays Biografie sich ausgesetzt sah, jene der Weltkriege, der Zwischenkriegszeit und des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland.
Paul Jaray entstammte einer der ältesten aus Prag gebürtigen jüdischen Gelehrten- und Künstlerfamilien namens Jeitteles. Jarays Zweig der Familie gelangte über Süddeutschland in den ungarischen Teil der k.u.k.-Monarchie.
Pressebilder
Photographer: anon., © 2021 Archive Arsenale Institute, Venezia
Portrait Paul Jarays aus seinem letzten Lebensjahr 1974.Photographer: Adrian Sauer, © 2021 Arsenale Institute, Venezia
Ausstellungsplakat: Der Nachbau des Auto-Union Lucca-Wagens.Photographer: anon., © 2021 Archive Arsenale Institute, Venezia
Das Auto-Union Typ-B Rekordfahrzeug bei seiner Fahrt am 15.Februar 1935.Photographer: anon., © 2021 Archive Arsenale Institute, Venezia
Die Rennlimousine in voller aerodynamischer Verkleidung vor dem Rekordversuch.Photographer: anon., © 2021 Archive Arsenale Institute, Venezia
Die Rekordfahrt des Auto-Union Typ-B Stromlinienwagens bei Lucca.Hans Erni, ca 1935, Privatbesitz, © Nachlass Hans Erni.
Photographer: Jakob Schmitt, © 2021 Archive Arsenale Institute, Venezia
Ein Vorkriegsmodell des Lucca-Wagens.Photographer: Jakob Schmitt, © 2021 Archive Arsenale Institute, Venezia
Ein Einblick in die Sammlung von Modellen der Jarayschen Stromlinienrennwagen.