Vitrine 01 Dokumente zu Paul Jaray Leben, Werk und Scheitern

Zunächst hat man es bei diesen Dokumenten zu Leben widerstandskoeffizienten, dem c und Werk Paul Jarays mit Vorgängern und Zeitgenos- Mit demselben begrenzten Verständnis war Jaray sen zu tun, die in der Entwicklung seines Erfindertums zur Stromlinenform eine Rolle spielten.

Jaray kannte die in La Nature vorgestellten Ergebnisse aus den frühen Rauchkanälen Étienne-Jules Mareys (1830–1904) ebenso wie die Versuche Gustave Eiffels (mit dem er korrespondierte) in dessen erstem offenem Der dritte Zeitgenosse, den es zu erwähnen gilt, war Windkanal (01_01). Obgleich schon an Leonardo da Vincis Naturskizzen offenbar wird, dass sich die nicht titut von Ludwig Prandtl (1875–1953) in dessen erstem vor 1883 theoretisch bestimmte Differenz von laminarem und turbulentem Strömungsverlauf als Phäno- vor allem im Dienste praxisorientierter Erkenntnismen bereits genauer Beobachtung entnehmen lässt, interessen der Luftstreitkräfte des Deutschen Kaiserwar es doch erst die bahnbrechende Gewissheit der Visualisierung und empirischen Sichtbarmachung fluiddynamischer Zusammenhänge, die der Aerodynamik ihre Richtung und Grundlage in der Anschauung gab (siehe pp. 10/11).

Der aus der Aeronautik zur Strömungslehre vorgestoßene Jaray neigte allerdings dazu, sich deren Fragen eher mathematisch und in Potenzialgleichungen Zeppelin zugrunde. Die so gefundene charakteristials – wie die meisten seiner Zeitgenossen – in erfahrungswissenschaftlichen Messungen im Windkanal zu nähern. Es war deshalb auch seine theoretische Einsichtnahme, die ihm früh zu einer Erkenntnis verhalf, die heute merkwürdig trivial erscheint. Vor Jaray nahm die fachlich wie volkstümlich herrschende Meinung an, ein Fluggerät bewege sich im Medium Spindel darstellt, die Jaray für Automobilkarosserien der Luft gegen deren Luftwiderstand, ein Schiff im vorschlug. Medium des Wassers gegen den Wasserwiderstand und ein jedes bodengestützte Gefährt gegen den Roll- Dieser Entwurf ist von Interesse, weil er geeignet ist, widerstand, also die von der Bodenbeschaffenheit bereitete Reibung. Es war Jaray, der für das Automobil erkannte, dass spätestens beim Erreichen bestimm- Lehre zu relativieren: Zwar war er, den Identitätsbeter Geschwindigkeiten für die wirkenden Kräfte in jedem dieser Medien die Eigenschaften der Fluid- mobilindustrie zuwiderlaufend, der Auffassung, es dynamik im Vordergrund stehen, dass sich also auch Bodenfahrzeuge wesentlich gegen einen Luftwiderstand bewegen und sich ihre Effizienz eben daran bemisst, wie sie das tun.

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(1830–1904) ebenso wie die Versuche Gustave Eiffels (mit dem er korrespondierte) in dessen erstem offenem Der dritte Zeitgenosse, den es zu erwähnen gilt, war 01). Obgleich schon an Leonardo da Georg Fuhrmann (1883–1914), der am Göttinger Ins- Vincis Naturskizzen offenbar wird, dass sich die nicht titut von Ludwig Prandtl (1875–1953) in dessen erstem vor 1883 theoretisch bestimmte Differenz von lamina-geschlossenem Windkanal empirische Messreihen rem und turbulentem Strömungsverlauf als Phäno- vor allem im Dienste praxisorientierter Erkenntnismen bereits genauer Beobachtung entnehmen lässt, interessen der Luftstreitkräfte des Deutschen Kaiserwar es doch erst die bahnbrechende Gewissheit der reichs durchführte. Was die Ermittlung des strö- Visualisierung und empirischen Sichtbarmachung mungsgünstig optimierten Idealkörpers mit dem fluiddynamischer Zusammenhänge, die der Aerody-geringsten Widerstand angeht, erreichte Fuhrmann namik ihre Richtung und Grundlage in der Anschau-in seiner Dissertation von 1912 dabei durch Trial & Error dasselbe Ergebnis, wie es Jaray im gleichen Jahr auf dem Wege mathematischer Berechnungen ge- Der aus der Aeronautik zur Strömungslehre vorge-lang. Letzterer legte die dabei hergeleitete Spindelstoßene Jaray neigte allerdings dazu, sich deren Fra-form seiner einflussreichen Entwicklungsarbeit bei gen eher mathematisch und in Potenzialgleichungen Zeppelin zugrunde. Die so gefundene charakteristials – wie die meisten seiner Zeitgenossen – in erfah-sche aerodynamische Gestalt wurde nach einer Tabelle rungswissenschaftlichen Messungen im Windkanal in Fuhrmanns Buch oft als Fuhrmann’scher Körper zu nähern. Es war deshalb auch seine theoretische № IV. bezeichnet (01_05). Neben dieser Schrift befin- Einsichtnahme, die ihm früh zu einer Erkenntnis det sich in der Vitrine ein um 1930 bei Zeppelin entverhalf, die heute merkwürdig trivial erscheint. Vor standenes Holzmodell dieses Formenparadigmas und darüber ein jüngeres aus Kupfer, das die kombinierte Meinung an, ein Fluggerät bewege sich im Medium Spindel darstellt, die Jaray für Automobilkarosserien der Luft gegen deren Luftwiderstand, ein Schiff im vorschlug. Medium des Wassers gegen den Wasserwiderstand und ein jedes bodengestützte Gefährt gegen den Roll- Dieser Entwurf ist von Interesse, weil er geeignet ist,

der Luft gegen deren Luftwiderstand, ein Schiff im vorschlug. Medium des Wassers gegen den Wasserwiderstand und ein jedes bodengestützte Gefährt gegen den Roll- Dieser Entwurf ist von Interesse, weil er geeignet ist, widerstand, also die von der Bodenbeschaffenheit be-die Paul Jaray oft unterstellte idealistische Marktferne reitete Reibung. Es war Jaray, der für das Automobil als Haltung eines engstirnigen Vertreters der reinen erkannte, dass spätestens beim Erreichen bestimm- Lehre zu relativieren: Zwar war er, den Identitätsbeter Geschwindigkeiten für die wirkenden Kräfte in dürfnissen und Distinktionsbemühungen der Autojedem dieser Medien die Eigenschaften der Fluid- mobilindustrie zuwiderlaufend, der Auffassung, es dynamik im Vordergrund stehen, dass sich also auch gebe genau eine optimale Gestalt, der man zu genü- Bodenfahrzeuge wesentlich gegen einen Luftwider-gen habe – was die verwirrende Ähnlichkeit der radistand bewegen und sich ihre Effizienz eben daran be-kalen Entwürfe für die Hersteller Ley, Audi und Dixi beim Autokorso in Berlin 1923 unterstrich. Aber seine bereits 1935 nachgereichte kombinatorische Typen- Als Einziger neben ihm war es der von Jaray bemerk- tafel, Stromlinien-Aufbauten à la Carte genannt, lädt te Alois Riedler (1850–1936), der Begründer der wis-zur freien additiven Verwendung seiner aerodynasenschaftlichen Kraftfahrzeug-Bewertung an der misch vertretbaren Teilkörper und Profile ein (01_10). Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin, der als Überdies belegen allerhand Werbedrucksachen sogar erster Maschinenbauingenieur den Luftwiderstand in mehreren Sprachen seine Beharrlichkeit in den als Parameter bei der Beurteilung eines Automobils vergeblichen Versuchen, Industrie und Publikum 04). Allerdings nahm Riedler diese Größe seine Form der Notwendigkeit schmackhaft zu manur am Rande, im Begriffsvermögen beschränkt, oder chen. An seinen Marketingtalenten scheiterte dies sogar falsch wahr: Er reduzierte den Einfluss strö-nicht (01_15, 01_17–01_19). Bei den von ihm in einer mungstechnischer Bedingungen auf die Rolle der richtungsweisenden Anzeige benannten 40 Vorteilen Stirnfläche, der Fläche des größten Querschnitts eines der Logik der Stromlinienbauweise stand bemerkens- Körpers orthogonal zu seiner Bewegungsrichtung, werterweise der Zweck der Energieersparnis mit der die aber in die Berechnung des Strömungswider- Verminderung der erforderlichen Betriebsstoffe an stands nur als eine Bezugsgröße unter anderen pro-erster Stelle, die Steigerung der Fahrgeschwindigkeit portionalen Eingang findet. Dieser Widerstand als nur an zweiter.

Neben einer Sammlung der wichtigsten die Form von entwickelt es Überlegungen zur Nutzung neuartiger Kraftfahrzeugen betreffenden Grundlagenpatente kinetischer und thermischer Energiequellen, darunter Jarays, die von seinem Durchbruch beim Luftschiff-solche zu Gezeiten-, Wellen-, Wind-, Aufwind- und körper abgleitet sind, dessen Patentschrift ebenfalls Geothermiekraftwerken. 26), sind die beiden bedeutends-

Neben einer Sammlung der wichtigsten die Form von Kraftfahrzeugen betreffenden Grundlagenpatente Jarays, die von seinem Durchbruch beim Luftschiffkörper abgleitet sind, dessen Patentschrift ebenfalls ausliegt (01_20–01_26), sind die beiden bedeutendsten zusammenfassenden und zeitgenössischen Die Fotografien eines Bauzustandes demonstrieren Publikationen zu Jarays Erkenntnissen ausgelegt. den status nascendi des ersten wissenschaftlichen Dies sind einmal das erst nach Ende des Zweiten Automobilkörpers der Technikgeschichte: die 1922 bei Weltkriegs gedruckte Werk Reinhard von Koenig- Fachsenfelds (1899–1992), das dessen Zusammenarbeit mit Jaray – wie dieser wohl befand – weitgehend als dem Autor zugemessenen Kenntnisstand ausbeutet (01_03). Fachsenfeld, den Jaray im Netzwerk der die Jahr zugrunde liegt (01 Kosmos-Hefte herausgebenden Franckh’schen Verlagshandlung in Stuttgart über deren erfolgreichsten Das Modell Adler 2,5 Liter von 1937, es trug den verpopulärwissenschaftlichen Autor und Herausgeber breiteten Vulgo-Namen Autobahnwagen, war das Walter de Haas (1886–1969) kennengelernt hatte, erste mit einer auf Jaray zurückgehenden Karossenäherte sich Jaray zuerst als lernbegieriger Schüler, rie in Deutschland gefertigte Großserienfahrzeug. fungierte aber später als sein Strohmann und Patent- Es wurde 1937 auf der 27 . Internationalen Automobil- repräsentant in Deutschland, als das Aufrechterhalten einer Geschäftstätigkeit für jüdische Bürger dort zunehmend schwieriger wurde.

26), sind die beiden bedeutendsten zusammenfassenden und zeitgenössischen Die Fotografien eines Bauzustandes demonstrieren Publikationen zu Jarays Erkenntnissen ausgelegt. den status nascendi des ersten wissenschaftlichen Dies sind einmal das erst nach Ende des Zweiten Automobilkörpers der Technikgeschichte: die 1922 bei Weltkriegs gedruckte Werk Reinhard von Koenig-Spohn in Ravensburg gebaute Stromlinienform über Fachsenfelds (1899–1992), das dessen Zusammenarbeit dem Fahrgestell eines Ley Typ T6 (01_11); daneben eine mit Jaray – wie dieser wohl befand – weitgehend als frühe Konstruktionszeichnung, die den Aufbauten auf dem Autor zugemessenen Kenntnisstand ausbeutet den Chassis von Audi Typ C und Dixi G7 im folgenden 03). Fachsenfeld, den Jaray im Netzwerk der die Jahr zugrunde liegt (01_12). Kosmos-Hefte herausgebenden Franckh’schen Verlags-

nehmend schwieriger wurde. Anders ist es mit der früheren, sehr populären Publikation Fahren und Fliegen der Franckh’schen Verlagshandlung von 1935, auf deren Kapitel Die Stromlinienform als Neuordner des Verkehrswesens Jaray später als beste Darstellung seines Durchbruchs in der Aerodynamik hinwies. Wahrscheinlich hat er den Text für den ihm nahestehenden Verlag wenigs- tisch verkürzt zu genügen sucht (01 tens zum Teil selbst geschrieben (01_06). Nicht nur in der Automobiltechnischen Zeitschrift (ATZ) des Der um 1935 erreichte Grad der Prominenz des Franckh’schen Verlags wurde ihm regelmäßig Raum Namens Jaray und die Art und Weise, wie er synofür Grundlagentexte zur Fluidmechanik bei Autos und Rennwagen, etwa dem ikonischen Rekordfahr- wurde – ein Ruf und Ruhm, der ihm im Zuge der zeug Typ B der Auto Union, eingeräumt (01_27, 01_31). Judenverfolgung in Deutschland fast restlos wie- Während sich Fachsenfeld eitel als Konzipienten des referierten Wissensstandes vorträgt, verzichtete Jarays Zurückhaltung und Bescheidenheit wiederholt auf die Angabe seiner individuellen Autorschaft, de- Jaray-Stromlinienwagen im Katalog des deutschen ren Erzeugnisse immer wieder anonym veröffentlicht Modelleisenbahn- und Spielzeugauto-Herstellers werden.

handlung in Stuttgart über deren erfolgreichsten Das Modell Adler 2,5 Liter von 1937, es trug den verpopulärwissenschaftlichen Autor und Herausgeber breiteten Vulgo-Namen Autobahnwagen, war das Walter de Haas (1886–1969) kennengelernt hatte, erste mit einer auf Jaray zurückgehenden Karossenäherte sich Jaray zuerst als lernbegieriger Schüler, rie in Deutschland gefertigte Großserienfahrzeug. fungierte aber später als sein Strohmann und Patent- Es wurde 1937 auf der 27 . Internationalen Automobil- und Motorrad-Ausstellung (IAMA) in Berlin vorgeeiner Geschäftstätigkeit für jüdische Bürger dort zu-stellt (01_14). In Ermangelung des Zugangs zu einem ausreichend großen Windkanal hatte man für die strömungsmechanische Optimierung des Fahrzeugkörpers nach einer Idee Jarays angeklebte Wollfäden benutzt, deren Bewegung im Fahrwind ein Indiz für Verlagshandlung von 1935, auf deren Kapitel Die zu vermeidende Turbulenzen abgaben (01_16). In der Annonce, die das Gefährt bewirbt, wird unter dem Slogan Die Form der Zeit Jarays aerodynamischer Idealin der Aerodynamik hinwies. Wahrscheinlich hat er körper skizziert, dem die Form des Adlers pragmaden Text für den ihm nahestehenden Verlag wenigs- tisch verkürzt zu genügen sucht (01_29). 06). Nicht nur

Das gilt insbesondere auch für das Pseudonym des wohl produktivsten populärwissenschaftlichen Autors der 1920er- und frühen 1930er-Jahre: „Hanns Günther“. Nach Aussagen von Jarays engstem Assistenten in der Luzerner Zeit ist dies als ein gemeinsames Pseudonym des Diskussionszusammenhangs zwischen Paul Jaray und Walter de Haas anzusehen, einem seiner engsten Freunde, den der Verlag oft als alleinigen Autor anführte. Unter all den Büchern, die als Ertrag des gemeinsamen Gesprächs und Überlegens zustande kamen, ragt eine visionäre Schrift zur Energieökonomie heraus, die Auskunft gibt über einen persistenten Topos im Denken Jarays: Das 1931 erschienene Buch mit dem Titel In hundert Jahren – Die künftige Energieversorgung der Welt nahm die Einsicht in die Endlichkeit fossiler Brennstoffreserven von Öl- und Kohlelagerstätten gegen- über der gesellschaftlichen Bewusstwerdung um fig. 1 P Jahrzehnte vorweg (01_07). Vor diesem Hintergrund Stromlinienwagens (Friedrichshafen: Paul Jaray, 1921).

fig. 1 PAUL JARAY, Notizbuch, erster Entwurf eines geschlossenen Stromlinienwagens (Friedrichshafen: Paul Jaray, 1921). ETH


Vitrine 02 Dokumente zu Paul Jaray Leben, Werk und Scheitern II

Der Inhalt dieser Vitrine bemüht sich, die wichtig- zwungenermaßen davon Abstand und konzentrierte sten Entwicklungsstadien der Versuche Jarays zu dokumentieren, erstmals Personenwagen nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der vorher nur im Flugzeugbau berücksichtigten Strömungsmechanik Windkanalmodelle für diese Fahrzeuge der ersten zu entwerfen und mit verschiedenen Herstellern auch zu realisieren.

Seine von Intuition getragene, aber doch von mathe- Die Prinzipien seiner Einsichtnahme, abgeleitet von matischen Kalkulationen begleitete initiale Skizze zu einem geschlossenen Stromlinienkörper für Auto- Körper in der Luft – dem Luftschiff- und Flugzeugmobilkarosserien findet sich in Jarays Notizbucheintragung mit Datum vom 2. Februar 1921 (02_03). mata zur Fluiddynamik (02 Den ersten offenen Rennwagen hatte Jaray im Okto- Erkenntnis des Körpers mit dem geringsten Luftber 1920 gezeichnet. Die näheren Ausführungen widerstand bei Bodennähe, den er in einer unveränkamen im Frühjahr des folgenden Jahres zustande, dert gültigen Gestalt als Holzmodell für empirische demselben in dem er im September das erste Patent Te s t s a u s f ü h r t e ( 0 2 einreichte. Kennzeichnend für seine eigentümliche Aerodynamik des Automobils für einen Vortrag, den Wahrnehmungsweise ist, dass die planimetrischen Jaray im Juli 1938 an der ETH Zürich hielt, wur- Schnitte auf den folgenden Seiten des Hefts durch räumliche Darstellungen eines Schrägblicks ergänzt Fachöffentlichkeit erstmals vorgestellt (02 werden, die die Allseitigkeit des Umflossenwerdens von Luft bei einem Automobil berücksichtigen.

Darüber mit der Abbildung des Ley-Rennwagens von 1923 die erste Geschäftskarte der Züricher Stromlinien- Karosserie-Gesellschaft, die der Geschäftsmann Paul Susmann (1866–1934) in der Erwartung, von Jarays innovativem Geist profitieren zu können, von 1923 bis zu seinem Selbstmord 1934 nach dem Bank- gestelle einer modernen Audi- und einer Mercedesrott aller von ihm betriebenen geschäftlichen Unter- Basis für die Einhaltung gefälligerer Proportionen nehmungen führte (02_01). Schon damals war es so, nutzte. Der kleinere Audi, der nach einem Unfall auf dass Jaray, um sich Patentanmeldungen und deren Rechtspflege überhaupt leisten zu können, seine Urheberrechte an ihnen zum allergrößten Teil stets an Investoren abzugeben gezwungen war.

Mehrere Tafeln aus Jarays Nachlass zeigen die 1922 Walter de Haas vorgesehen, dem Mitgründer, Mitinim Bau befindliche und ausgeführte Karosserie des Stromlinienwagens Ley Typ T6, dann auch bei Test- Aktiengesellschaft für Verkehrspatente (AVP), der nur fahrten auf der AVUS, in Luzern vor dem Vierwaldstättersee und 1924 bei einem Autokorso in Berlin (02_04, 02_06, 02_08, 02_15). Der die Geburtsstunde Patentrechten Jarays. Ihr Hauptanteilseigner war der der Aerodynamik bodengestützter Fahrzeuge ver- Stuttgarter Unternehmer, Bankier und Verleger der körpernde Wagen blieb mit seinen Geschwistern Franckh’schen Verlagshandlung Hofrat Walther Keller für Audi und Dixi im Folgejahr zugleich Jarays ra- (1864–1952). dikalste Formgebung eines geschlossenen Volumens: ohne die Andeutung von Kotߟgeln und ohne wis- 1934 muss als das produktivste Jahr für Jarays Entwürsenschaftliche Notwendigkeit durch Zugeständnisse an gesellschaftliche Präferenzen ästhetischer Natur AVP vor allem im Auftrag der deutschen und euro - zu kompromittieren. Die Folgerichtigkeit dieser päischen Automobilindustrie sowie von Karosserie- Entwurfsphase ist umso eindrücklicher, als die ihrem primitiven technischen Duktus völlig ungeeigneten, weil zu hoch aufbauenden Chassis der Zeit DKW, Chrysler, Auto Union, Röhr, Stoewer, Maybach, die schlechtesten Voraussetzungen für kleine Stirnflächen boten. Auch deshalb war das ursprüngliche, (02 grandiose Vorhaben des als Immigrant mittellos in der Schweiz eingetroffenen Jaray die Konstruktion eines

von Grund auf neuen Fahrzeugtyps, der revolutionä- re Achs-, Fahrgestell- und Motorkonstruktionen mit einschließen sollte. Nur der Unmöglichkeit wegen, diese Entwicklungsarbeit zu finanzieren, nahm er ge- Der Inhalt dieser Vitrine bemüht sich, die wichtig- zwungenermaßen davon Abstand und konzentrierte sich auf den für ihn wichtigsten Faktor der Rationalität eines neuen Automobils: seine Windschlüpfrigkeit. Mehrere Fotografien bilden deshalb Jarays Flugzeugbau berücksichtigten Strömungsmechanik Windkanalmodelle für diese Fahrzeuge der ersten Generation ab, zu denen auch noch die 1925 folgende Apollo-Limousine zählt (02_05, 02_07).

Seine von Intuition getragene, aber doch von mathe- Die Prinzipien seiner Einsichtnahme, abgeleitet von dem in allen Achsen gleichermaßen umströmten zu einem geschlossenen Stromlinienkörper für Auto- Körper in der Luft – dem Luftschiff- und Flugzeugrumpf –, demonstrieren Jarays oft abgedruckte Sche- 03). mata zur Fluiddynamik (02_09). Diese mündeten in die Den ersten offenen Rennwagen hatte Jaray im Okto- Erkenntnis des Körpers mit dem geringsten Luftber 1920 gezeichnet. Die näheren Ausführungen widerstand bei Bodennähe, den er in einer unveränkamen im Frühjahr des folgenden Jahres zustande, dert gültigen Gestalt als Holzmodell für empirische demselben in dem er im September das erste Patent Te s t s a u s f ü h r t e ( 0 2 _11). In den Epidiaskop-Folien zur einreichte. Kennzeichnend für seine eigentümliche Aerodynamik des Automobils für einen Vortrag, den Wahrnehmungsweise ist, dass die planimetrischen Jaray im Juli 1938 an der ETH Zürich hielt, wurden diese Zusammenhänge der wissenschaftlichen räumliche Darstellungen eines Schrägblicks ergänzt Fachöffentlichkeit erstmals vorgestellt (02_13).

ohne die Andeutung von Kotߟgeln und ohne wis- 1934 muss als das produktivste Jahr für Jarays Entwürfe stromlinienförmiger Karosserien in seiner Firma an gesellschaftliche Präferenzen ästhetischer Natur AVP vor allem im Auftrag der deutschen und euro - zu kompromittieren. Die Folgerichtigkeit dieser päischen Automobilindustrie sowie von Karosseriebaufirmen und Privatleuten gelten. Es entstehen Pläne für Daimler-Benz, Jawa, Bungartz, Steyr, NSU-Fiat, neten, weil zu hoch aufbauenden Chassis der Zeit DKW, Chrysler, Auto Union, Röhr, Stoewer, Maybach, Opel, BMW, Ford, Hanomag, Adler und andere flächen boten. Auch deshalb war das ursprüngliche, (02_20–02_30). Einige von diesen sind den Zeitungsausschnitten aus dem Archiv des Jaray-Schülers und dänischen Automobildesigners Gunnar M. Ross zu

entnehmen, der in den 1930er-Jahren akribisch Abbildungen aller direkt oder indirekt auf Jarays Entwicklungsarbeit zurückgehende Fahrzeugkarosserien sammelte. Wichtig darunter sind der 1934 erste in Serie produzierte Stromlinienwagen Tatra 77 A, die von 1936 bis 1939 in verschiedenen Varianten gebauten Le-Mans-Renncoupés der Adlerwerke und der ikonische Stromlinien-Maybach SW 35 (02_33–02_40).

Für das breite Publikum waren es unter den Gestaltungen Jarays insbesondere die von nationalistischem Pathos verklärten Silberpfeile der Auto Union, die sich durch die von der Tagespresse sensationalistisch begleiteten mediatisierten Rezeption dem Bewusstsein ikonisch einschrieben. Dies waren die Rekordfahrzeuge der Typen B, C und D von 1935 bis 1937. Deren unbedingte Verpflichtung auf Funktionalität, nämlich diejenige, Bestzeiten im internationalen Ve rg l e i c h z u gewä h r l e i s t e n , l i e ß e s d e n Au f t ra gge - bern anders als bei Straßenfahrzeugen, die auf Marktakzeptanz hoffen mussten, angeraten sein, Jarays ingenieurstechnische Konsequenz in der Formfindung nicht zu behindern (02_14, 02_19, 02_41, 02_42, 02_44). Der italienische Zeitschriftenartikel von 1935 und das französische Pressebild beschreiben und demonstrieren die Rekordfahrt des Auto Union Typ B, genannt Lucca-Wagen, in aerodynamischer Vollverkleidung nach Jaray. Er stellte nicht nur die erste in Lebensgröße im Windkanal erprobte Karosseriegestalt eines Autos dar, sondern bewährte sich überdies als erster Rennwagen, der auf einer Verkehrsstraße die Geschwindigkeit von 230 km/h überschritt. In Anbetracht der Tatsache, dass Jarays frühe Karosserieentwürfe alle dem Verdikt grotesker Hässlichkeit anheimgefallen waren, ist es aufschlussreich, dass dieses Rekordgefährt in Georg von Hanffstengels Buch Technisches Schaffen und Denken als Leitbild für die spezifische Qualität von Schönheit in mathematischer Notwendigkeit bestimmt wird (02_31, 02_32). Gleichermaßen erhellend wie rätselhaft ist schließ-

Gleichermaßen erhellend wie rätselhaft ist schließ- lich Jarays Notiz einer visuellen Autobiografie, die als Einladungskarte zur 1947 stattfindenden Hochzeit mit seiner zweiten Frau Martha Steiner (1911–1967) entworfen worden war (02_18). Signifikant ist darin der Hinweis auf die betont gleichwertige Bedeutungszumessung der Praxis aerodynamischer Forschung und der Musik in seinem Leben: Das ideale Stromlinienauto und der Flügel, der in allen seinen Wohnungen stand, sind deckungsgleich und gleich groß wiedergegeben. Sein ganzes Leben lang spielte Jaray nicht nur Klavier und baute elektronische Musikapparate, sondern er hielt auch an, sich als Komponist selbst von Partituren für Ensembles zu versuchen. Andere ikonische Chiffren in der Zeichnung verweisen auf seine im Alter von 17 Jahren ersonnene und gültig gebliebene Konstruktion eines Staubsaugermotors, auf Propeller und Turbinen, Radios und Lautsprecher, Flugzeuge und Beleuchtungssysteme aus seiner Hand. Welche herausragende Rolle die Bibliothek und die Lektüre wissenschaftlicher wie schöngeistiger Literatur in seinem Leben spielte, ist ebenfalls unverkennbar.

sche Chiffren in der Zeichnung verweisen auf seine fig. 2 PAUL JARAY, Windkanalmodell der Idealgestalt mit geringstem Widerstand als von der Luftschiffform abgeleitetes optimiertes im Alter von 17 Jahren ersonnene und gültig gebliebodennahes Derivat. Es ist dies der Jaray’sche Körper einer bene Konstruktion eines Staubsaugermotors, auf Pro-halbierten und unten abgerundeten Spindel. Der mit ihm erzielte peller und Turbinen, Radios und Lautsprecher, Flug-cw-Wert beträgt mit 0,09 das faktisch erreichbare Minimum bei zeuge und Beleuchtungssysteme aus seiner Hand. Körpern nahe über Grund.

fig. 3 PAUL JARAY, Schema laminarer und turbulenter Strömung an vier Körpern, Reproduktion einer Tuschzeichnung, die Jaray Hans Erni schenkte (Luzern: um 1923). ETH, HS 1144 : 143, BL 2


VITRINE 03 Jarays Öffentlichkeit Die Mediatisierung der Stromlinie

Zwar datieren die frühesten Berichte über Jarays Entdeckungen zur strömungsoptimierten Gestalt von Bodenfahrzeugen in die Zeit seiner Patentanmel- vieler im Franckh’schen Verlag herausgegebener dung und der Fertigstellung der ersten Versuchs- Bücher zur Radiotechnik. Waren die Druckerzeugträger, etwa der große Aufmacher der Berliner Illustrirten Zeitung am 3. Juni 1923 „Eine neue Autoform: Das Stromlinien-Auto“ (03_23). Doch setzte sich wurde Jaray als Autor genannt, etwa neben Manseine Auffassung erst in den 1930er-Jahren und besonders nach 1935 im Zeitschriften- und Zeitungs- Handbuch der Funktechnik. Oft aber wurde er unter wesen durch, als die ersten Serienfahrzeuge seine Einsichten tendenziell aufzunehmen begannen und vielen gewöhnlich mit „Hanns Günther“ gezeichne- Ideen der Windschlüpfrigkeit einer omnipräsenten Zukunftsvision und sogar einem modischen Stilempfinden zu entsprechen begannen. Damals erwarteten A. Pfeiffer erschienenen beliebten Kompendium Fahviele lautstarke Überschriften den „unmittelbar bevorstehenden“ Paradigmenwechsel im Karosseriebau, Zeppelin (01 der am „Scheideweg“ stünde und einer neuen Zukunft entgegensehe (03_17, 03_18). In diese Zeit fällt die Zu den Periodika des Verlags gehörte die weitverbreimassive Präsenz Jarays in technischen und popu- tete und dezidiert ingenieurstechnisch argumentielärwissenschaftlichen Presseveröffentlichungen. rende Automobiltechnische Zeitschrift (ATZ), die re- Seine Bedeutung war unumstritten und die erkennbar seinen Prinzipien zuordenbaren Karosserieformen wurden weithin als seine Schöpfungen erkannt Artikel zur Grundlagenforschung und Bekanntmaund anerkannt, selbst da, wo die Hersteller explizite Lizenzbeziehungen zu umgehen wussten oder sein Ve r f a h re n swe i s e n e i n rä u m t e (0 1 deutscher Vertreter Koenig-Fachsenfeld für die AVP als Mittelsmann im Kontakt zu den Herstellern und Auch eher rechtskonservative und dem Naziregime Karosseriebauern einsprang und infolgedessen oft als Urheber Jaray’scher Pläne genannt wurde. Neben Jarays unbestrittenem Status als Koryphäe war keine Halbmonatsschrift des Nationalsozialistischen Kraftandere Persönlichkeit der Kfz-Entwicklung einem ähnlich breiten Publikum bekannt und in ihren Produkten in vergleichbarer Weise wiedererkennbar.

Der durch die überaus beliebte Zeitschrift Kosmos mit Te n o r k a u m u n t e r s c h i e d v o m R a s s i s m u s d e r u n m i t t e l - Abstand auflagenstärkste technische und populärwissenschaftliche Verlag dieser Zeit in Deutschland, die noch immer existierende Franckh’sche Verlagshand- Zeitung im Jahr 1939 (05 lung (heute Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. zuvor eine programmatische Hymne auf den Sieges- KG), stand im Zentrum eines Netzwerks berühmter zug der Stromlinie fast ausschließlich mit Jarays Te c h n i k e r u n d W i s s e n s c h a f t l e r , d a s J a r a y s e h r u m - Schöpfungen illustriert und seine historische Pionierfänglich einzubinden und zu verwerten wusste. Viele für Jaray folgenreiche Bekanntschaften wurden über das intellektuelle Zentrum vermittelt, das dieser Ver- trukteur Jaray, der, was einwandfrei feststeht, schon lag im deutschsprachigen Raum darstellte. Er war vor mehr als 10 Jahren, im Jahre 1923, seine einwandmit ihm durch Walter de Haas, einem der Bestseller- freie Stromlinienform auf einem Audi-Fahrgestell autoren des Verlags, bekannt geworden, nachdem dieser 1921 eine lobende und kenntnisreiche Besprechung von Jarays Trethebelfahrrad verfasst hatte. Er Eine Sonderrolle in der Publizität Jarays spielte das war es, dem es gelang, Jaray in den Bekanntenkreis der Autoren des Verlags einzubinden und später mit dem Verleger selbst bekanntzumachen. In dieser Zeit war das Thema Radiotechnik einer der Garanten für

auflagenstarke Buchveröffentlichungen. Seine Radiowerkstatt in Luzern, die unter dem Namen Alaphon das erste Schweizer Radio fertigte, blieb bis 1930 Jarays hauptsächliche Einkommensquelle zur Ernährung Zwar datieren die frühesten Berichte über Jarays Ent-seiner fünfköpfigen Familie. Seine Expertise in diedeckungen zur strömungsoptimierten Gestalt von sem Feld machte ihn zum ungenannten Co-Autor Bodenfahrzeugen in die Zeit seiner Patentanmel- vieler im Franckh’schen Verlag herausgegebener dung und der Fertigstellung der ersten Versuchs- Bücher zur Radiotechnik. Waren die Druckerzeugträger, etwa der große Aufmacher der Berliner Illus-nisse weniger populistisch, sondern einem wissentrirten Zeitung am 3. Juni 1923 „Eine neue Autoform: schaftlichen und akademischen Umfeld zugedacht, 23). Doch setzte sich wurde Jaray als Autor genannt, etwa neben Manseine Auffassung erst in den 1930er-Jahren und be-fred von Ardenne (1907–1997) im seit 1935 verlegten sonders nach 1935 im Zeitschriften- und Zeitungs- Handbuch der Funktechnik. Oft aber wurde er unter wesen durch, als die ersten Serienfahrzeuge seine die Namen der Herausgeber subsumiert, so bei den Einsichten tendenziell aufzunehmen begannen und vielen gewöhnlich mit „Hanns Günther“ gezeichne- Ideen der Windschlüpfrigkeit einer omnipräsenten ten gemeinsamen Buchprojekten mit Walter de Haas Zukunftsvision und sogar einem modischen Stilemp-oder dem unter dem Namen des Redakteurs Eduard finden zu entsprechen begannen. Damals erwarteten A. Pfeiffer erschienenen beliebten Kompendium Fahviele lautstarke Überschriften den „unmittelbar bevor-ren und Fliegen. Ein Buch für alle, von Auto, Flugzeug, stehenden“ Paradigmenwechsel im Karosseriebau, Zeppelin (01_06). der am „Scheideweg“ stünde und einer neuen Zukunft

der am „Scheideweg“ stünde und einer neuen Zukunft 18). In diese Zeit fällt die Zu den Periodika des Verlags gehörte die weitverbreimassive Präsenz Jarays in technischen und popu- tete und dezidiert ingenieurstechnisch argumentielärwissenschaftlichen Presseveröffentlichungen. rende Automobiltechnische Zeitschrift (ATZ), die re- Seine Bedeutung war unumstritten und die erkenn-gelmäßig zur Durchsetzung der Stromlinienform und bar seinen Prinzipien zuordenbaren Karosseriefor-zu Jaray publizierte oder ihm selbst Raum für längere men wurden weithin als seine Schöpfungen erkannt Artikel zur Grundlagenforschung und Bekanntmaund anerkannt, selbst da, wo die Hersteller explizite chung seiner Handhabe strömungsmechanischer Lizenzbeziehungen zu umgehen wussten oder sein Ve r f a h re n swe i s e n e i n rä u m t e (0 1_31, 03_13). deutscher Vertreter Koenig-Fachsenfeld für die AVP

chung von Jarays Trethebelfahrrad verfasst hatte. Er Eine Sonderrolle in der Publizität Jarays spielte das noch heute unerhört modern wirkende avantgardistische Magazin Motor-Kritik, dessen Erfinder und Chefredakteur Josef Ganz (1868–1967) als ebenfalls war das Thema Radiotechnik einer der Garanten für aus Wien stammender Jude eng mit Jaray vertraut

war. Er übernahm mit 29 Jahren die Chefredaktion eines kleinen Zirkulars namens Klein-Motor-Sport, das ein anderer Bekannter Jarays, der Flugpionier Oskar Ursinus (1878–1952), 1922 ins Leben gerufen hatte. Unter dem neuen Schriftleiter und dem passenden Namen Motor-Kritik erreichte das Journal in kurzer Zeit eine enorme Steigerung der Abonnements und Leserschaft. Als Propagandist von Pendelachse, luftgekühltem Heckantrieb und Stromliniengestalt hervorgetreten, sich dabei sogar als Produzent eines Maikäfer getauften Kleinwagens betätigend, vertrat Ganz mit seiner herstellerkritischen Zeitschrift in provozierender Weise und ironischem Tonfall der deutschen Automobilindustrie überlegene Ingenieursintelligenz und Innovationskraft. Berühmt wurde sie ihres Willens zum Konflikt und zur kontroversen Parteinahme gegen die Korruption der alteingesessenen Hersteller wegen. Denn das Blatt unterschied sich mit seiner konstruktivistischen oder Bauhaus-geschulten Ästhetik und Typografie, seiner politischen Haltung, die ihren Antifaschismus nie verbarg, einem progressiven bis kapitalismuskritischen Unterton, der neben der technisch-sachlichen Kompetenz stets auch lästerlichen und spöttischen Artikulationsweise und schließlich durch sein Eintreten für einen dem Proletariat zugemessenen modernen Volkswagen von allen anderen Presseerzeugnissen der Zeit. Es widmete Jaray viele Titelbilder und unzählige Artikel, fungierte also lange als eine auflagenstarke Plattform seiner technischen Haltung (03_01, 03_03–03_12). Früher als Jaray fiel der Automobilentwickler Ganz seiner Streitlust wegen schon 1933 als Jude in Ungnade, verlor auf Intervention der Automobilindustrie hin seine Stellung als Chefredakteur und floh in die Schweiz, die ihn weiter ins australische Exil vertreiben sollte. Noch lange nach seinem Ausscheiden behielt die Zeitschrift, deren Stil und Inhalt Ganz zunächst aus der Schweiz weiter beeinflussen konnte, weil mit Georg Ising (1881–1967) ein Vertrauter zum Nachfolger wurde, die Position der Jaray’schen Gestaltungsprinzipien aerodynamisch korrekter Karosserien bei und trug weiter zur Prominenz ihres Schöpfers als Vordenker der Automobiltechnik bei. Als exemplarische Titel, die die internationale Reich-

Bezeichnend ist freilich, dass die gleichzeitig mit dem sich ausweitenden Presseecho stattfindende sichtbare Verbreitung der Methoden Jarays just mit dem Auslaufen seines Patentschutzes spätestens 1939, vermutlich bereits 1937, einherging. Auch nach eigenem Bekunden hatten die Produzenten das Erlöschen der Lizenzpflichtigkeit der Jaray’schen Schutzrechte einfach abgewartet.

POPULAR MECHANICS

fig. 1 Die optimierte Spindel, der von Georg Fuhrmann 1912 Bezeichnend ist freilich, dass die gleichzeitig mit dem im Windkanal nachgewiesene und von Jaray berechnete und sich ausweitenden Presseecho stattfindende sicht-erstmalig für Luftschiffe angewandte stromliniengünstigste bare Verbreitung der Methoden Jarays just mit dem Körper. Ihr Luftwiderstand entspricht dem der zum Vergleich gezeigten kleinen Scheibe. AI Auslaufen seines Patentschutzes spätestens 1939, vermutlich bereits 1937, einherging. Auch nach eigenem

fig. 2 PAUL JARAY, Ley Typ T6 auf der AVUS (Berlin: 1923). Dieses Bild wurde in retuschierter Form für eine Presseaussendung in den USA verwendet. HW

Wind-Resistance Diagram; Top 100, Second Five, Third 100, and Bottom Twenty-Five Per Cent


VITRINE 04 Te m p o r a u s c h

Te m p o r a u s c h Die Popularisierung des Prinzips Geschwindigkeit

Te m p o r a u s c h Die Popularisierung des Prinzips Geschwindigkeit

Unter den herausragenden Topoi der nationalistischen Propaganda im Dritten Reich richtete sich die Agitationsfolklore zur Feier des Prinzips der Geschwindig- Hans Stuck, bei dem er nach Kriegsende sogar vorkeit besonders an die Jugend, war deshalb aber nicht weniger aggressiv politisiert: Der Wert individuellen Opfertums, zu dem man im Ringen um die Größe der Bilderbuchs von 1938/39 keinen Hehl aus den vater- Nation mit dem Leben zu bezahlen bereit war, schien über die prononcierte Ikonisierung des Unfalls eng Erlebnis der Front; Ein Heldenleben; Bomben über uns; verknüpft mit der Heldenverehrung für die Gestalt Die neue Wehrmacht; Von Menschen, Muskeln und des Rennfahrers. Der Konstruktion seiner Subjek- Motoren; Heldentum der Arbeit und so fort (04 tivität wurden wesentlich soldatische Eigenschaften, darunter gerade die der Todesverachtung, zugemes- Ein anderer dem Draufgängertum im Dienste morasen, Charakterzüge also, die im Rahmen des stetig eskalierenden deutschen Militarismus auch den Lesern dieser stereotypen Autorenngeschichten als künftig Zeit des Nationalsozialismus, in der sich die martiazu leistender Einsatz abverlangt wurden.

Zu den herausragenden Autoren dieser Literatur Fliegerheroin zu großem Ruhm gelangten Elly der Indoktrination zählt vor allem Theo Matejko Beinhorn zum Gedenken ihres Mannes Bernd (1893–1946), ein aus Österreich-Ungarn gebürtiger Rosemeyer, in dem sie dessen im Unfalltod bei einem Presseillustrator, der zum meistpublizierten Serien- Rekordversuch im Auto-Union-Stromlinienwagen produzenten wirkmächtiger Propaganda im Feld der kulminierende Laufbahn zum nationalen Märtyrer- Grafik wurde, die sich fast ausschließlich bellikoser tum verklärt (04 Themen in sensationalistischer Dramatik widmete. te das Buch die bei Weitem höchsten Auflagen des Der Kunstgewerbezeichner und Plakatmaler war Genres. In seiner Abhandlung Lingua Tertii Imperii selbst nicht nur Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, zur demagogischen Diktion des Dritten Reichs urwo er erfolgreich als Pressezeichner und Kriegsbildberichterstatter fungiert hatte, sondern auch ehemali- 1947 über Rosemeyer und seine Heldenverehrung: ger Rennfahrer und Mille-Miglia-Wettbewerber. Als „Aber das einprägsamste und häufgste Bild des Helsolche Personifikation des zur Wehrtüchtigkeit aufgerüsteten Sportlers spezialisierte er sich neben mar- Autorennfahrer: Nach seinem Todessturz steht Bernd tialischen Schlachtenbebilderungen auf die Veran- Rosemeyer eine Zeitlang fast gleichwertig mit Horst schaulichung von Technik, Automobilen und Renn- Wessel vor den Augen der Volksphantasie.“ Klemperer veranstaltungen. Politische und sportliche Motive treten dabei typischerweise im gleichen ästhetischen Duktus auf, der stets höhere Werte des ideellen Gan- rungsbuch der Fliegerin Elly Beinhorn: ‚Mein Mann, zen der Nation und ihres Aufbruchs zu Weltgeltung der Rennfahrer’ lassen sich die interessantesten Semiin der sinnlichen Schicksalshaftigkeit individueller naruntersuchungen anstellen.“ Leistung zu veranschaulichen sucht.

Unter anderem begleitete und illustrierte Matejko auch die fünftägige, ebenso stürmische wie ereignisreiche erste Atlantiküberquerung des auf Jarays Pläne zurückgehenden Luftschiffes Graf Zeppelin LZ 127 Rosemann. Von dem zunächst für Motorradzeitim Jahr 1928 unter Hugo Eckener (1868–1954), ebenjenem Direktor der Zeppelin-Werke, unter dem Jaray mit dem Untertitel Der Mann, dem kein Auto schnell beschäftigt war.

der ersten Illustrierten sorgte, war Matejko insbesondere in der Zeit unverzichtbar, da fotografische Reproduktionen noch umständlicher zu drucken waren als Strichzeichnungen. Der Staatskünstler, der mit den Protagonisten seiner Heroisierung bisweilen eng befreundet war, etwa mit dem Renn- und Rekordfahrer onsfolklore zur Feier des Prinzips der Geschwindig- Hans Stuck, bei dem er nach Kriegsende sogar vor- übergehend unterkam, machte schon in den Kapitel- überschriften des ihm gewidmeten auflagenstarken Opfertums, zu dem man im Ringen um die Größe der Bilderbuchs von 1938/39 keinen Hehl aus den vaterländischen Werten, denen seine Kunst untertan war: über die prononcierte Ikonisierung des Unfalls eng Erlebnis der Front; Ein Heldenleben; Bomben über uns; verknüpft mit der Heldenverehrung für die Gestalt Die neue Wehrmacht; Von Menschen, Muskeln und des Rennfahrers. Der Konstruktion seiner Subjek- Motoren; Heldentum der Arbeit und so fort (04_16).

tivität wurden wesentlich soldatische Eigenschaften, darunter gerade die der Todesverachtung, zugemes- Ein anderer dem Draufgängertum im Dienste morasen, Charakterzüge also, die im Rahmen des stetig es-lischen Bellizismus für die Eroberungsvorhaben der kalierenden deutschen Militarismus auch den Lesern politischen Herrschaft sich weihender Bestseller der dieser stereotypen Autorenngeschichten als künftig Zeit des Nationalsozialismus, in der sich die martialische Funktionszuschreibung des Rennsports exemplarisch zusammenfasst, ist das Buch der selbst als Zu den herausragenden Autoren dieser Literatur Fliegerheroin zu großem Ruhm gelangten Elly der Indoktrination zählt vor allem Theo Matejko Beinhorn zum Gedenken ihres Mannes Bernd (1893–1946), ein aus Österreich-Ungarn gebürtiger Rosemeyer, in dem sie dessen im Unfalltod bei einem Presseillustrator, der zum meistpublizierten Serien- Rekordversuch im Auto-Union-Stromlinienwagen produzenten wirkmächtiger Propaganda im Feld der kulminierende Laufbahn zum nationalen Märtyrer- Grafik wurde, die sich fast ausschließlich bellikoser tum verklärt (04_13). Bis in die Nachkriegszeit erleb- Themen in sensationalistischer Dramatik widmete. te das Buch die bei Weitem höchsten Auflagen des Der Kunstgewerbezeichner und Plakatmaler war Genres. In seiner Abhandlung Lingua Tertii Imperii selbst nicht nur Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, zur demagogischen Diktion des Dritten Reichs urwo er erfolgreich als Pressezeichner und Kriegsbild-teilte der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer berichterstatter fungiert hatte, sondern auch ehemali- 1947 über Rosemeyer und seine Heldenverehrung: ger Rennfahrer und Mille-Miglia-Wettbewerber. Als „Aber das einprägsamste und häufgste Bild des Helsolche Personifikation des zur Wehrtüchtigkeit auf-dentums liefert in der Mitte der dreißiger Jahre der gerüsteten Sportlers spezialisierte er sich neben mar- Autorennfahrer: Nach seinem Todessturz steht Bernd tialischen Schlachtenbebilderungen auf die Veran- Rosemeyer eine Zeitlang fast gleichwertig mit Horst schaulichung von Technik, Automobilen und Renn- Wessel vor den Augen der Volksphantasie.“ Klemperer veranstaltungen. Politische und sportliche Motive fügt durchaus ironisch an: „Über wechselseitige Betreten dabei typischerweise im gleichen ästhetischen ziehungen zwischen Goebbels’ Stil und dem Erinne- Duktus auf, der stets höhere Werte des ideellen Gan- rungsbuch der Fliegerin Elly Beinhorn: ‚Mein Mann, zen der Nation und ihres Aufbruchs zu Weltgeltung der Rennfahrer’ lassen sich die interessantesten Semi- 2 in der sinnlichen Schicksalshaftigkeit individueller naruntersuchungen anstellen.“

Zu den fruchtbarsten Autoren dieser weltanschaulich nutzbar gemachten Gattung der Unterhaltungsliteratur, deren Karrieren die Kriegszeit unbeschadet überstanden, gehört auch der Schriftsteller Ernst zurückgehenden Luftschiffes Graf Zeppelin LZ 127 Rosemann. Von dem zunächst für Motorradzeitschriften schreibenden Journalisten erschien 1935 jenem Direktor der Zeppelin-Werke, unter dem Jaray mit dem Untertitel Der Mann, dem kein Auto schnell genug ist eine Eloge auf den anderen Auto-Union- Starpiloten Hans Stuck (04_04). Wofür diese Volkshelden ihr Leben einzusetzen hatten, lässt sich der schaft in Deutschland wurde Matejko vor allem für Titelergänzung des drei Jahre später nachfolgenden deren Propagandaorgan Die Wehrmacht tätig. Für Werks Um Kilometer und Sekunden entnehmen, der lautet: Kämpfer im Rennwagen – Kämpfer für die schrift, deren auch in den zentralen Agitationsmoti- Nation (04_07).

Automobil- und Renntechnik überschneiden. Ihr gemeinsames Buch Das grosse Rennen legt noch 1955 bemerkenswert großes Gewicht auf die Ikonografie des Unfalls als Kern der mythischen Überhöhung des Rennsports, der als Schlachtfeld der Bewährung ebenso strahlender wie todesmutiger Siegerfiguren zu Ehren höherer Zwecke aufscheint.

So wie er nie auf die fast ausschließlich kriegerische Nutzung seiner Luftschiffentwicklungen reflektierte, die er stets mit dem Enthusiasmus der reinen Wissenschaft und des Aufbruchs in eine technisierte Zukunft betrieben hatte, so nahm Paul Jaray auch nie explizit Notiz von der exklusiv politisch funktionalisierten Benutzung der als Silberpfeile zu Symbolen gewordenen Formen seiner Renn- und Rekordfahrzeuge. Sie kamen wie seine Flugkörper der ideologischen oder militärischen Aufrüstung des Deutschen Reichs und später des deutschen Faschismus und damit einer Herrschaft zugute, die das Leben seiner Wiener Großfamilie gänzlich auszulöschen vermochte.

fig. 1 Handzettel, Illustration: THEO MATEJKO (Berlin: IAMA, Internationale Automobil- u.[nd] Motorrad Ausstellung, 1934). AI


VITRINE 05 Faschistische Moderne Nationalismus, Heldentum und Rassenhass

Im mit dem Terminus Heroismus überschriebenen Vorwort zu seiner Untersuchung der NS-Demagogie räumt Victor Klemperer dem wirkmächtigen Bild der Figur des Rennfahrers großen Raum ein: Die Uniform, fungiert Hühnlein deshalb mit Hitlergruß als Autor in der „nazistisches Heldentum auftrete“, sei in der am meisten charakteristischen Weise die Vermum- ,Autobuch‘, dem ich einen glücklichen Start wünsche, mung des Rennfahrers: „Eine Zeitlang sind die Sieger den Geist der 2000 Km-Deutschlandfahrer vermitteln. im internationalen Autorennen, hinter dem Lenkrad Diese haben Übermenschliches geleistet. Echter Motorihres Kampfwagens oder an ihn gelehnt oder auch un- SA-Geist war lebendig, der selbstlos um der Ehre willen ter ihm begraben, die meistfotograferten Tageshelden. Wenn der junge Mensch sein Heldenbild nicht von den

muskelbeladenen nackten oder in SA-Uniform stecken- Mensch und Maschine unterwirft, wenn es gilt, deutden Kriegergestalten der Plakate und Denkmünzen dieser Tage abnimmt, dann gewiss von den Rennfah- Deutscher Kraftfahrsport steht bei solcher Ausübung rern; gemeinsam ist beiden Heldenverkörperungen der im Dienste der Nation, die den Sieger ehrt, indem sie starre Blick, in dem sich vorwärtsgerichtete harte 3 Entschlossenheit und Eroberungswille ausdrücken.“

In affirmativer Weise hatte sich bereits der einer Verklärung der Geschwindigkeit, der Maschine und des Krieges zugewandte Protagonist des italienischen Faschismus und Begründer des Futurismus Filippo weisung des Motosports zu akkommodieren suchten. To m m a s o M a r i n e t t i ( 1 8 7 6 – 1 9 4 4 ) z u j u s t d i e s e r P h y s i o - gnomie bekannt. Sein idealer Übermensch und programmatischer Maschinenmann Mafarka der Futurist 1935 bis nach 1940 nach (05 trägt im gleichnamigen Roman ebendiese metallischen Züge der eckigen Kiefer der „Männer mit brei- während die Vokabel zunehmend ihres militärischen 4 ten Schläfen und einem Kinn aus Stahl“.

Mehrere Dokumente (05_16, 05_37–05_39, siehe auch 04_28) illustrieren dieses ausdrücklich am Antlitz des Rennfahrers zelebrierte maskuline Menschenbild, das die Kriegslüsternheit in Marinettis erstem Manifest des Futurismus von 1909 ein Jahr später in die narrati- Die von der politischen Herrschaft mit größtem patrive Form der Glorifizierung eines prototypischen Protagonisten des Imperialismus gebracht hatte (06_10). etwa die Internationale Automobil- und Motorrad- In Ersterem war in These 9 schon von der Forderung Ausstellung (IAMA) in Berlin von 1934, 1935 und 1936 nach der Verherrlichung des Krieges die Rede, von Militarismus und Patriotismus als der „Vernichtungstat der Freien“.

Bernd Rosemeyer und Hans Stuck posieren vor den metallischen Leibern der Karosserien Paul Jarays (05_09, 05_21, 05_35): Dem in seiner Selbstverachtung beispielgebenden Heldenmut der prominentesten Rennfahrer wurden Denkmäler gesetzt, die einem Reichsautobahn (05 für den Gang aufs Schlachtfeld ausersehenen Volk die angemessenen Idole lieferten. Deren Widmung an patriotische Werte fand ihre Apotheose in der Hingabe an den Opfertod, dessen Feier den Monumenten erneut Sinn gab (05_22, 05_33, 05_36).

ab 1934 auf Führerbeschluss eine Unterorganisation der SA, für alle Piloten obligatorisch. Als Reichsleiter und politischer Führer des NSKK stand Adolf Hühnlein (1881–1942) auch der Obersten Nationalen Sportbehörde für die deutsche Kraftfahrt (ONS) vor. In der richtungsweisenden Parteipublikation Das Autobuch (05_34), das Hans Stuck als Co-Autor aufführt, Figur des Rennfahrers großen Raum ein: Die Uniform, fungiert Hühnlein deshalb mit Hitlergruß als Autor des unmissverständlichen Geleitworts: „Möge das meisten charakteristischen Weise die Vermum- ,Autobuch‘, dem ich einen glücklichen Start wünsche, mung des Rennfahrers: „Eine Zeitlang sind die Sieger den Geist der 2000 Km-Deutschlandfahrer vermitteln. im internationalen Autorennen, hinter dem Lenkrad Diese haben Übermenschliches geleistet. Echter Motorihres Kampfwagens oder an ihn gelehnt oder auch un- SA-Geist war lebendig, der selbstlos um der Ehre willen kämpft. Wir brauchen diese harte, einsatzwillige Sportjugend, die sich selbst schwersten Zerreißproben von muskelbeladenen nackten oder in SA-Uniform stecken- Mensch und Maschine unterwirft, wenn es gilt, deutsche Kraft und deutsche Arbeit der Welt zu offenbaren. dieser Tage abnimmt, dann gewiss von den Rennfah- Deutscher Kraftfahrsport steht bei solcher Ausübung rern; gemeinsam ist beiden Heldenverkörperungen der im Dienste der Nation, die den Sieger ehrt, indem sie seinen Namen der Nachwelt überliefert.“

Es ist kaum verwunderlich, dass die Automobilher- In affirmativer Weise hatte sich bereits der einer Ver-steller als zur Kriegswichtigkeit avancierte Industrie klärung der Geschwindigkeit, der Maschine und des die Tonalität ihrer Werbebroschüren zunehmend die- Krieges zugewandte Protagonist des italienischen ser militanten Rhetorik und nationalen Funktionszu- Faschismus und Begründer des Futurismus Filippo weisung des Motosports zu akkommodieren suchten. Ve r s c h i e d e n e Bro s c h ü re n vo r a l l e m d e r Au t o Un i o n

gnomie bekannt. Sein idealer Übermensch und pro-zeichnen in eskalierender Intonation diesen Weg von grammatischer Maschinenmann Mafarka der Futurist 1935 bis nach 1940 nach (05_10, 05_27–05_31). In ihnen trägt im gleichnamigen Roman ebendiese metalli-mutieren die Siege zu dezidiert deutschen Siegen, schen Züge der eckigen Kiefer der „Männer mit brei- während die Vokabel zunehmend ihres militärischen Gehalts inne wird. Am Ende steht das begriffliche Eingeständnis, wenn vom „Soldaten des Rennsports“ 39, siehe auch gesprochen wird und sich die Reklame sogar aus- 28) illustrieren dieses ausdrücklich am Antlitz des drücklich zum Kriegsbeginn als einem Großen be- Rennfahrers zelebrierte maskuline Menschenbild, das kennt (05_27, 05_30). die Kriegslüsternheit in Marinettis erstem Manifest

die Kriegslüsternheit in Marinettis erstem Manifest des Futurismus von 1909 ein Jahr später in die narrati- Die von der politischen Herrschaft mit größtem patrive Form der Glorifizierung eines prototypischen Pro-otischem Pathos aufgeladenen Automobilmessen, 10). etwa die Internationale Automobil- und Motorrad- In Ersterem war in These 9 schon von der Forderung Ausstellung (IAMA) in Berlin von 1934, 1935 und 1936 nach der Verherrlichung des Krieges die Rede, von (05_07, 05_13, 05_15, 05_25) oder internationale Groß- Militarismus und Patriotismus als der „Vernichtungs-ereignisse des Motorsports wie der Große Preis von Deutschland 1937 am Nürburgring (05_24) stehen ganz im Zeichen des Hakenkreuzes und widersprüch- Bernd Rosemeyer und Hans Stuck posieren vor den licherweise dabei immer auch der populäre Karosseriemetallischen Leibern der Karosserien Paul Jarays körper des verfemten Juden Jaray. Dessen Einfluss auf 35): Dem in seiner Selbstverach-die Bauform des mit der Losung „Kraft durch Freude“ tung beispielgebenden Heldenmut der prominentes-propagierten Volkswagens – des neben dem Bau der ten Rennfahrer wurden Denkmäler gesetzt, die einem Reichsautobahn (05_12, 05_17) zweiten prädominanten für den Gang aufs Schlachtfeld ausersehenen Volk die Propagandafeldzugs der Nazidiktatur – ist gleicherangemessenen Idole lieferten. Deren Widmung an maßen unbestreitbar (05_20, 05_23). Auf dem Plakat patriotische Werte fand ihre Apotheose in der Hinga-der IAMA von 1935 ist es die aerodynamische Gestalt be an den Opfertod, dessen Feier den Monumenten der im Volksmund als Lucca-Wagen geführten Auto- Union-Rennlimousine, die als unheilvolle Wolke über der Silhouette von Berlin dräut (05_17). Während Rosemeyer aus Karriereberechnung und

systemischen Antisemitismus für einen durchaus Wissenschaft versehenen, grotesk verfälschenden ökonomischen Zweck beleuchten. Es sind die Beweise Zensur eines nüchternen strömungsmechanischen für die oft in den Medien ausgetragenen Machenschaf- Artikels für die Neue Kraftfahrer-Zeitung (NKZ). ten, die eine Bestreitung der Patentrechte Paul Jarays Als der Autor, ein Mitarbeiter des Kraftfahrzeugim Sinne der deutschen Automobilwirtschaft recht- Aerodynamikers Wunibald Kamm (1893–1966) am fertigen sollten und sich dabei des staatlichen Antise- Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrmitismus als wohlfeiles Mittel eingedenk waren. zeugmotoren (FKFS) in Stuttgart, die ideologische Bearbeitung erkannte und sie nicht zu verhindern

In der institutionellen Hierarchie des nationalsozialis- vermochte, zog er seine Autorschaft zurück, obgleich tischen Regimes war es die als Einheitsgewerkschaft gegründete, dabei aber alle sozial- und tarifpolitischen Funktionen aussetzende Deutsche Arbeitsfront (DAF), Redakteur handelte es sich um Fritz Gebauer (1906– insbesondere ihre Abteilung für deutschen Erfnder- 1979), einen SS-Hauptsturmführer und späteren schutz, die das institutionelle Vorgehen gegen Jarays Kommandanten eines Zwangsarbeitslagers in der Urheberrechte konzertierte. Sie bemühte sich, der Ukraine. Nach seiner Flucht aus der DDR, wo er noch nationalen Industrie die formaljuristische Handhabe zuteilwerden zu lassen, die es erlaubte, den Lizenzzahlungen an die Schweizer Patentfirma des Nichtariers Paul Jaray zu entgehen. Die umfangreichen Akten dazu finden sich in der Bibliothek des Deut- Für Jaray besonders verletzend muss eine weitere Publischen Museums in München (05_08).

schen Museums in München (05_08). Aufschlussreich ist, dass sich die amtliche Rechtsbera- Verlagshandlung veröffentlicht, der langjährigen vertung dabei aus Opportunismus der Zeugenschaft eines Mannes bediente, der im Nazideutschland die Hetze gegen Jaray am leidenschaftlichsten verfolgte, te. Der berühmte Verleger Hofrat Walther Keller der Behörde selbst aber ein notorischer Querulant zu sein schien. Bei dieser Person handelt es sich um den Entnazifizierung nach dem Krieg auch auf die enge Wagenbaumeister Oskar Bergmann (1882–?), der für sich in Anspruch nahm, kurz nach der Jahrhundertwende den deutschen Begriff Stromlinienform ge- wenige Jahre zuvor mit dem Leitartikel Die Technik prägt und mit Prioritätsrecht von 1911 auch die ers- und der Jude einer fachwissenschaftlich auftretenden ten entsprechenden Karossen entworfen zu haben. Judendiskriminierung prominenten Platz eingeräumt Relevante Belege für diese Pioniertat vermochte der (05 intuitiv begabte, aber wissenschaftlich gänzlich ungebildete Blechspengler und Kriegsinvalide allerdings meistens nur ex post zu fabrizieren (05_03). Trotzdem war die allenthalben den Fachzeitschriften zu entnehmende Erfinderrolle Jarays für ihn Anlass zu größter Bitterkeit, der er mit hasserfüllten Diffamierungs- Eigentum zu verschachern. Er selbst verfügte weder kampagnen zu genügen suchte. In ihnen wird freilich offenbar, dass es alleine persönliche und kommerzielle Motive sind, die ihn dabei auf den politisch etablierten Rassismus der Judenverfolgung und deren Klischees rekurrieren ließen (05_05, 05_06). Zu den denkwürdigsten und intrigantesten Kampagnen Bergmanns zählen sein Inserat gegen „Jud Jarays“ Schutzrechte (05_02) und seine Offene Karte an die Firma Hanomag (05_01), beide im Jahr 1936. Diese Angriffe wurden Gegenstand einer Verleumdungsklage, die allerdings von herausragender Bedeutung war, weil dort zum der inzwischen deutsche Eigentümer, an den Jaray ersten Mal der Entwurf des Volkswagens mit großem unter dem Druck der politischen Verhältnisse alle seine Patentansprüche abgetreten hatte, der Verleger Keller, führte und am Ende seiner gesellschaftlichen Plänen gezeichneten erfolgreichen Hanomag D19 Stellung wegen sogar für sich entscheiden konnte.


VITRINE 06 Futurismo Geschwindigkeit als Zukunftsmetapher

In dieser Vitrine, mit der das Projektkapitel anhebt, schwindigkeit“, die sich in die ausdrückliche Feier das sich mit der Kunstgeschichte unter dem über- von Krieg ergibt, will die hier ausgedrückte, von raschend relevanten und erhellenden Aspekt ihrer „fiebriger Schlaflosigkeit“ getriebene futuristische Haltung zu Maschine, Tempo und Automobil be- Revolution gleich einer physischen Ohrfeige und fasst, finden sich die entscheidenden Inkunabeln und maßgeblichen Programmschriften des Futurismus. Gesellschaft in Wirkung treten. Im Mittelpunkt ihrer Er bildete die erste mit dem Anspruch auf allgemeine gesellschaftliche Relevanz auftretende Schule der Avantgarde. Sie war nicht nur radikaler in ihrem vermessenen Tonfall der Verachtung allem Herge- „4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um brachten gegenüber, sondern als Bewegung unter eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der den Kunst-Ismen die erste, der es gelang, weit über Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie das Genre der schönen Künste hinaus eine sofortige weltumspannende Rezeption und Wirkung für ihre mit vordem ungehörter Aggressivität vorgetragenen Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike Postulate zu erzwingen.

Als das erste Manifest des Futurismus 1909 mit in wenigen Monaten stakkatoartig abfolgenden Aus- Freien, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die gaben überall in Europa, in Nord- wie Südamerika Verachtung des Weibes.“ (06 und selbst in Asien wie eine Bombe einschlug, waren seine im superlativischen Pamphletstil vorgetragenen Hyperbolien nichts als eine leere Behauptung: sehnsucht, Grausamkeit und Zerstörung, die dem Hinter der scheinbaren Gruppe stand nur ein Mann, Psychoanalytiker Erich Fromm (1900–1980) Anlass Filippo Tommaso Marinetti (1876–1944), der erhebliche aus seinem Erbe gezogene Geldmittel einsetzte, zur Anatomie der menschlichen Destruktivität zu um der Erklärung die internationale Reichweite und den Nachdruck zu verleihen, dass sie ihr Subjekt – humanismus, dem die Vergötzung toter Dinge der die behauptete manifeste Strömung – erst selbst her- Maschinenwelt entspricht, ist es ein geringer Vorvorzubringen imstande war. Das rhetorische Wir des wurf, aber es überrascht doch, dass sensorische Reize, Te x t s i s t e r f u n d e n . I n s e i n e r e r r e g t a p o d i k t i s c h e n P r o k l a - mation formulierte sich die universelle politische Kampfansage an eine besonders für Italien so empfundene rückständige Kultur einer als Passatismus gescholtenen Nostalgie, die mit größter exklamato- Flugzeugen, Lokomotiven und Rennwagen, dass dierischer Wut in die Überwindung einer obsoleten Agrargesellschaft hinein ins Industriezeitalter der Moderne gezwungen werden müsse.

Das Manifest mit den elf unwidersprechlichen Axio- übermenschlicher Geschwindigkeit zu verhelfen, sind men erschien zunächst Anfang Februar in der Form des hier ausliegenden, in Mailand gedruckten Mani- wähnung wert: Marinettis Flugblatt zur Begründung fests (06_10), wurde dann von mehreren italienischen Tagesblättern nachgedruckt, um am 20. Februar 1909 als Aufmacher auf dem Titel der französischen Zeitung Le Figaro vor großem Publikum zu erscheinen. Zeitschrift Der Sturm auf Französisch abgedruckten Daran schlossen sich in schneller Folge unzählige Auflagen und Übersetzungen über den gesamten Globus an, wovon die wichtigste englische Fassung te Textsammlung Lussuria Velocità von 1921 mit der im Katalog anlässlich einer Ausstellung futuristi- Titelillustration von Achille Funi (1890–1972), die die scher Malerei 1912 in der Londoner Sackville Gallery Fügung von Begehren, Wille und Tempo zum Ausund die erste deutsche im selben Jahr in Herwarth Waldens (1878–1941) den Futuristen gewidmeter Sonderausgabe seines Periodikums Der Sturm publiziert Zu den Geschwindigkeitsdarstellungen der bildenden wurden (06_11, 06_21).

scheint die Epoche des Faschismus und der Weltkriege antizipatorisch und affirmativ zu evozieren. Als machttrunkene, dem Absoluten verschriebene Überhöhung einer „ewigen, allgegenwärtigen Ge- In dieser Vitrine, mit der das Projektkapitel anhebt, schwindigkeit“, die sich in die ausdrückliche Feier das sich mit der Kunstgeschichte unter dem über- von Krieg ergibt, will die hier ausgedrückte, von raschend relevanten und erhellenden Aspekt ihrer „fiebriger Schlaflosigkeit“ getriebene futuristische Haltung zu Maschine, Tempo und Automobil be- Revolution gleich einer physischen Ohrfeige und fasst, finden sich die entscheidenden Inkunabeln und einem Faustschlag ins Gesicht der bürgerlichen maßgeblichen Programmschriften des Futurismus. Gesellschaft in Wirkung treten. Im Mittelpunkt ihrer Er bildete die erste mit dem Anspruch auf allgemei-beiden Kernforderungen stehen die gleichermaßen ne gesellschaftliche Relevanz auftretende Schule destruktive wie ästhetische Verklärung der Maschine der Avantgarde. Sie war nicht nur radikaler in ihrem des geschwinden Rennautos und die des Kriegs: vermessenen Tonfall der Verachtung allem Herge- „4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um brachten gegenüber, sondern als Bewegung unter eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der den Kunst-Ismen die erste, der es gelang, weit über Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie das Genre der schönen Künste hinaus eine sofortige große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosiweltumspannende Rezeption und Wirkung für ihre vem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf mit vordem ungehörter Aggressivität vorgetragenen Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. [...] 9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Milita- Als das erste Manifest des Futurismus 1909 mit in rismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der wenigen Monaten stakkatoartig abfolgenden Aus- Freien, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die gaben überall in Europa, in Nord- wie Südamerika Verachtung des Weibes.“ (06_21) und selbst in Asien wie eine Bombe einschlug, waren seine im superlativischen Pamphletstil vorgetrage-Gemessen an der futuristischen Verehrung von Todes-

1919 und Giacomo Ballas (1871–1958) malerische Visua- Schlierenfotografie abzubilden und empirisch nachlisierung bewegter Körper in der Zeitung Futurismo zuweisen. Die bahnbrechende Veröffentlichung aus dem Jahr 1933 (06_04, 06_06, 06_19). des Experiments und seiner Bildevidenz geschah in der ausliegenden Veröffentlichung des Aufsatzes

Agrargesellschaft hinein ins Industriezeitalter der Soweit es die Mystifikation des Automobils und seiner Leistung anlangt, dem Menschen zum Erreichen Das Manifest mit den elf unwidersprechlichen Axio- übermenschlicher Geschwindigkeit zu verhelfen, sind men erschien zunächst Anfang Februar in der Form drei weitere Grundlagentexte des Futurismus der Erdes hier ausliegenden, in Mailand gedruckten Mani- wähnung wert: Marinettis Flugblatt zur Begründung 10), wurde dann von mehreren italienischen einer Religion der Geschwindigkeit von 1916, über- Tagesblättern nachgedruckt, um am 20. Februar 1909 schrieben mit La nuova religione-morale della velocità, als Aufmacher auf dem Titel der französischen Zei-seine Hymne an das Rennauto im 1912 wieder in der tung Le Figaro vor großem Publikum zu erscheinen. Zeitschrift Der Sturm auf Französisch abgedruckten Daran schlossen sich in schneller Folge unzählige Gedicht À I’Automobile de course von 1908 und die Auflagen und Übersetzungen über den gesamten dem erhabenen Geschwindigkeitswechsel geweih- Globus an, wovon die wichtigste englische Fassung te Textsammlung Lussuria Velocità von 1921 mit der im Katalog anlässlich einer Ausstellung futuristi- Titelillustration von Achille Funi (1890–1972), die die scher Malerei 1912 in der Londoner Sackville Gallery Fügung von Begehren, Wille und Tempo zum Ausund die erste deutsche im selben Jahr in Herwarth druck bringen will (06_07, 06_18). Waldens (1878–1941) den Futuristen gewidmeter Son-

1919 und Giacomo Ballas (1871–1958) malerische Visua- Schlierenfotografie abzubilden und empirisch nachlisierung bewegter Körper in der Zeitung Futurismo zuweisen. Die bahnbrechende Veröffentlichung des Experiments und seiner Bildevidenz geschah in der ausliegenden Veröffentlichung des Aufsatzes Die reich bebilderte kunsttheoretische Streitschrift Photographische Fixirung der durch Projectile in der Pittura scultura futuriste (Dinamismo plastico) des Luft eingeleiteten Vorgänge ein Jahr später (06_14). großen Bildhauers des Futurismus Umberto Boccioni Die weitverbreiteten Visualisierungen müssen den (1882–1916) war dessen einziges zu seinen Lebzeiten Futuristen bekannt geworden und als Epiphanie ihrer erschienenes Buch – fünf Monate vor Beginn des Zukunftsallegorie der Geschwindigkeit erschienen Ersten Weltkriegs, in dem er zu Tode kommen sollte sein. Evident wird das in vielen weiteren Malereien 09). Es gilt als Hauptwerk und Bibel der heroi- und Zeichnungen, etwa den hier gezeigten von Russolo, schen Phase der Bewegung und liefert vor allem ein Balla (06_11, 06_24) und besonders einsichtig im 1915 Plädoyer für die plastische Dynamik, den Paradig-zustande gekommenen Bild Dinámica del viento des menwechsel in der Skulptur, einer statischen Kunst-argentinischen Futuristen Emilio Pettoruti (1892–1971) form, hin zum Ausdruck von Bewegung als vornehm- (06_20). licher Zweckzuschreibung. Vor allem über Richard

Die reich bebilderte kunsttheoretische Streitschrift Photographische Fixirung der durch Projectile in der Pittura scultura futuriste (Dinamismo plastico) des Luft eingeleiteten Vorgänge ein Jahr später (06 großen Bildhauers des Futurismus Umberto Boccioni Die weitverbreiteten Visualisierungen müssen den (1882–1916) war dessen einziges zu seinen Lebzeiten Futuristen bekannt geworden und als Epiphanie ihrer erschienenes Buch – fünf Monate vor Beginn des Zukunftsallegorie der Geschwindigkeit erschienen Ersten Weltkriegs, in dem er zu Tode kommen sollte (06_09). Es gilt als Hauptwerk und Bibel der heroi- und Zeichnungen, etwa den hier gezeigten von Russolo, schen Phase der Bewegung und liefert vor allem ein Balla (06 Plädoyer für die plastische Dynamik, den Paradigmenwechsel in der Skulptur, einer statischen Kunstform, hin zum Ausdruck von Bewegung als vornehm- (06 licher Zweckzuschreibung. Vor allem über Richard Huelsenbeck (1892–1974), Jean Arp (1886–1966) und Vo r a l l e m d u rc h Lu dw i g P ra n d t l s ( 1 8 7 8 –1 9 5 3) G r u n d - El Lissitzky (1890–1941) kam dem Band eine erhebliche Wirkungsgeschichte für nachfolgende Kunst- Strömungslehre von 1931, erfuhr dieser Einsatz der strömungen zu, etwa dem Dadaismus und dem Kon- Schlierenfotografie große Bekanntheit (06 struktivismus. Aus seinem daran reichen Werk sind zwei zentrale Beispiele der Malerei von Dynamik zeigen den ab Mitte des 20. Jahrhunderts erreichten entnommen und hier ausgelegt: Die Reprodukti- Darstellungsstand des Phänomens (06 onen von Ballas Gemälde Penetrazioni dinamiche d’automobile und die von Luigi Russolos (1885–1947) Dinamismo (Automobile) (06_08, 06_22).

licher Zweckzuschreibung. Vor allem über Richard Huelsenbeck (1892–1974), Jean Arp (1886–1966) und Vo r a l l e m d u rc h Lu dw i g P ra n d t l s ( 1 8 7 8 –1 9 5 3) G r u n d - El Lissitzky (1890–1941) kam dem Band eine erheb-lagenwerk zur Fluiddynamik, seinen Abriß der liche Wirkungsgeschichte für nachfolgende Kunst- Strömungslehre von 1931, erfuhr dieser Einsatz der strömungen zu, etwa dem Dadaismus und dem Kon- Schlierenfotografie große Bekanntheit (06_15, 06_16, struktivismus. Aus seinem daran reichen Werk sind 06_23, 06_25). Zwei moderne Schlierenaufnahmen zwei zentrale Beispiele der Malerei von Dynamik zeigen den ab Mitte des 20. Jahrhunderts erreichten entnommen und hier ausgelegt: Die Reprodukti- Darstellungsstand des Phänomens (06_13), der sich onen von Ballas Gemälde Penetrazioni dinamiche der futuristischen Vision zunehmend angleicht. d’automobile und die von Luigi Russolos (1885–1947)

An beiden wird ein ikonografisches Charakteristikum sichtbar, dessen sich die bildenden Künstler im Kreis der Futuristen zur Darstellung der eigentlich unsichtbaren kinetischen Energie von Geschwindigkeit einer eigentümlichen, fest kodifizierten Chiffre bedienten. der Leine von 1912, noch für Russolos Aufstand der Sequenzielle Dreiecke, pfeilförmige Kraftlinien bildend, stehen für die Visualisierung der reinen Bewe- Es gilt nicht einmal für die vielen Abbildungen von gungsenergie, die alle Objekte – so ihre Idee – im Automobilen und Motorrädern. Gewöhnlich kursie- Innersten substanziell ausmache. Dieses malerische Mittel der Emphase von Motorik bedient sich einer bislang unentdeckten heuristischen Inspirationsquelle, auf die dieses Projekt wegen seiner Parallelsicht auf Naturwissenschaft und Kunst gestoßen ist: rechtwinkligen Muster der Kutsche nachempfun- Die erste Anschauung, die ein Überschallprojektil in bildgebenden Verfahren der Physik fand, geschah in Futurismus erlaubte es ihnen auch nach Jarays Durchder Technik der Schlierenfotografie, auf Italienisch strioscopia.

To e p l e r ( 1 8 3 6 – 1 9 1 2 ) e n t w i c k e l t , v e r m a g d i e s e f o t o - grafische Technik thermische Konvektion, Dichte- Mit Ausnahme der erstaunlichen Antizipation einer schwankungen eines gasförmigen Fluids, Luftstoß-ganz neuen, sich dem Wind anschmiegenden Art von wellen oder Strömungen im Windkanal abzubilden. Automobilkörper – sie muss den Zeitgenossen gänz- Sie wurde deshalb sowohl in der Strömungsmechanik lich fremdartig erschienen sein – in Russolos bereits wie in der Ballistik zur Erfassung von Schockwellen 1914 geschaffener ikonischer Ansicht des Dinamismo bei Überschallprojektilen herangezogen. Nur bei (Automobile) (06_22), die als Kreation avant la lettre Letzteren, beim Übergang zum Supersonic speed, gelten muss, gibt es nur zwei weitere Fälle aus der entstehen die sich von der Spitze des Flugkörpers ab-zweiten Generation des Futurismus, bei denen man lösenden charakteristischen dreieckigen Strukturen intime Kenntnisse des Jaray’schen Durchbruchs und der kegelförmigen Stoßwelle. Es war der Namens-der Inhalte seiner Patentanmeldungen unterstellen geber der entsprechenden physikalischen Größe kann. Ernst Mach (1838–1916), dem es gemeinsam mit


Bei diesem handelt es sich um den futuristischen Architekten und Industriegestalter Cesare Augusto Poggi (1903–1971). Eine Generation jünger als Marinetti gehörte er einer in Florenz aktiven selbst- wo er offenbar im Konstruktionsbüro eines Autoständigen futuristischen Initiative an, der Gruppi futuristi di iniziative und deren Ableger Gruppo di Architetti Futuristi. Seine Entwürfe ähneln manchmal denen des älteren und legendär gewordenen Der andere zeitweise Parteigänger des Futurismus, futuristischen Architekturvisionärs Antonio Sant’ Elia (1888–1916), stehen diesem aber in Originalität mit Pfeilfolgen in der Kreidezeichnung La vélocité und Konsequenz nicht nach. Seit Beginn der 1930er- von 1935 bereits auf den Umriss eines Stromlinien- Jahre trat Poggi als Verfechter urbanistischer Stadt- wagens hindeutet, war der Franzose Henry Valensi visionen aus fantastischen stählernen Wohnmaschi- (1883–1960) (siehe p. 47). Nach seiner prägenden Benen, den buchstäblichen case macchina, auf, meistens in aerodynamisch gerundeter und organischer For- Valensi der Repräsentation von Bewegung, Rhyth - mensprache, die den US-amerikanischen Streamline- Stil vorwegnimmt. Einige seiner monumentalen Aufgabe bildender Kunst zu. Er war der Auffassung, Zukunftsbilder wurden etwa bei Mussolinis für den kulturellen Anspruch des italienischen Faschismus werbender italienischer Weltausstellung Esposizione Leinwand. Dies veranlasste ihn 1913 zur Konzepti- Universale di Roma (EUR) 1942 mit dem bereits 1933 entworfenen Padiglione al mare per polisportivi oder Zugangs zur Malerei, der sich später unter andedem spektakulären Leuchtturm Arcone radiofaro per ren František Kupka (1871–1957) anschloss. In deren G. Marconi vorgestellt (06_17).

Poggi konstruierte aber Anfang der 1930er-Jahre auch wiederholt Flug- und Fahrzeuge, die sich durch die fusiforme Spindelgeometrie des Körpers mit dem geringsten Widerstand auszeichneten (06_03). Dass er sie in der von Paul Jaray definierten Gestalt kannte und war – und mehreren zehntausend von ihm abgeleiwie früh er dies tat, geht aber vor allem aus einem mit teten einzelnen Zeichnungen auf Zelluloid beruht. „Berlina aerodynamica“ bezeichneten Automobilentwurf hervor, der bereits mit dem erstaunlich frühen Als Sekretär leitete und organisierte Valensi 1912 Zeitpunkt des Jahres 1929 datiert ist (06_01). Es handelt sich bei dieser der Literatur völlig unbekannt geblie- Metzinger (1883–1956), Albert Gleizes (1881–1953), benen Konstruktion um ein Fahrzeug, dessen äuße- Francis Picabia sowie Marcel Duchamp und dessen re Hülle der Silhouette von Jarays Windkanalmodell der optimierten Spindel für Bodenfahrzeuge genau eingeschrieben ist. Dieser Umriss, dem ein bis heute unübertroffener Widerstandsbeiwert zukäme, taucht öffentlich zuerst 1935 in Jarays Typentafel als Längsriss A auf (01_10), wurde 1939 in der Aerodynamischen Ve r s u c h s a n s t a l t ( AVA ) i n G ö t t i n ge n a l s e x p e r i m e n t e l - ler Schlörwagen realisiert, war aber seit 1920 aller Forschung implizit. Ob Poggi in Jarays Patentschriften selbst Einsicht nehmen konnte oder den Forschungsstand bei Zeppelin anders in Erfahrung brachte, ist unbekannt, dass er unabhängig von Jaray zu denselben Ergebnissen gelangen konnte, unwahrscheinlich.

Nach Kriegsende und mit Marinettis Tod auch dem Ende der futuristischen Bewegung verließ Poggi Italien. Seine Spuren verlieren sich in Deutschland, Marinetti gehörte er einer in Florenz aktiven selbst- wo er offenbar im Konstruktionsbüro eines Automobilherstellers Arbeit fand und bei einem Autounfall 68-jährig starb.

mal denen des älteren und legendär gewordenen Der andere zeitweise Parteigänger des Futurismus, dessen wieder prototypische Tempoparaphrase Elia (1888–1916), stehen diesem aber in Originalität mit Pfeilfolgen in der Kreidezeichnung La vélocité und Konsequenz nicht nach. Seit Beginn der 1930er- von 1935 bereits auf den Umriss eines Stromlinien- Jahre trat Poggi als Verfechter urbanistischer Stadt- wagens hindeutet, war der Franzose Henry Valensi visionen aus fantastischen stählernen Wohnmaschi- (1883–1960) (siehe p. 47). Nach seiner prägenden Begegnung mit dem Kreis um Marinetti wandte sich in aerodynamisch gerundeter und organischer For- Valensi der Repräsentation von Bewegung, Rhyth - mus, Dynamik und Geschwindigkeit als lebenslanger Stil vorwegnimmt. Einige seiner monumentalen Aufgabe bildender Kunst zu. Er war der Auffassung, ihre historisch letzte und höchste Form bestünde in der Bewältigung echter Bewegung im Raum auf der werbender italienischer Weltausstellung Esposizione Leinwand. Dies veranlasste ihn 1913 zur Konzeption der musicalisme genannten Doktrin eines neuen entworfenen Padiglione al mare per polisportivi oder Zugangs zur Malerei, der sich später unter andedem spektakulären Leuchtturm Arcone radiofaro per ren František Kupka (1871–1957) anschloss. In deren Konsequenz kam er zur Forderung einer von Filmmalern zu produzierenden cinepeinture. Tatsächlich schuf Valensi ab 1936 mit der Filmkamera den La Symphonie Printemps betitelten abstrakten Film, der auf einem bereits 1932 entstandenen Gemälde – als 03). Dass er diese Vorstellung technisch noch nicht realisierbar sie in der von Paul Jaray definierten Gestalt kannte und war – und mehreren zehntausend von ihm abgeleiwie früh er dies tat, geht aber vor allem aus einem mit teten einzelnen Zeichnungen auf Zelluloid beruht.

FILIPPO TOMMASO MARINETTI et al., Parole consonanti vocali numeri in Libertà, Flugblatt zur Vorankündigung der geplanten kollektiven Anthologie I paroliberi futuristi, die nie erscheinen sollte (Mailand: Direzione del Movimento Futurista, 1915). BT

ohne Abbildung

EMILIO PETTORUTI, Dinámica del viento, Reproduktion, Original: Öl auf Leinwand (Buenos Aires: Museo Nacional de Bellas Artes, 1915).


VITRINE 07 Dada Fetischismus der Maschinenmagie

Diese Vitrine zur weiteren Kunstgeschichte des Motivs der Maschinengeschwindigkeit ist der seltsamen Be- Anders als bei Marinetti und seinen Adepten war die deutungszumessung und Wertschätzung der Welt Wahl der Maschinenmetapher eben nicht jenem des Mechanischen in der Nachfolge des französischen Dadaismus, also dem weiteren Freundeskreis von Francis Picabia (1879–1953), Marcel Duchamp (1887– 1968), Man Ray (1890–1976) und Max Ernst (1891–1976) gewidmet. Vielleicht muss man auch den Übervater Die aus jeder Funktionslogik gerissenen Collagen der Gruppe und Instigator des Begriffs Surrealismus Guillaume Apollinaire (1880–1918) hinzuzählen, denn auch er war an jenem denkwürdigen Ereignis betei- Maschinenabhängigkeit im allgemeinen Unbewussligt, als die Zuwendung zum vieldeutigen Zeichen der Maschinerie unversehens mit einem auf den Tag Begierden zu einem Triebwerk gefügt beständig zu datierbaren Paukenschlag einsetzte. Es war ebenjener Abend im Mai 1912, an dem Picabia mit seiner Gattin Gabrielle Buffet (1881–1985), Duchamp und Apollinaire der Aufführung eines grotesken Spektakels beiwohnte: des skandalösen Stücks Impressions d’Afrique von Raymond Roussel (1877–1933) im Pariser Théâtre Antoine. Der Autor war ein in Privatmythologien verstrickter, öffentlichkeitsscheuer Dandy und reicher Erbe, der es mit Texten, die aller semantischen Funktionen ledig im methodischen Sprach- von Du „Cubisme“ als meist von Marcel Duchamp sigspiel vorangetrieben waren, auf einen volkstümlichen Erfolg, sogar Ruhm abgesehen hatte, der naturgemäß Tod wies er darauf hin, dass sich in dieser heroischen ausbleiben musste. Selbst Duchamp nannte die gänzliche Inkohärenz dessen, was ihm da vorgeführt wur- Kreisbewegungen, nach Rotation und, wie er sugge- 5 de, fasziniert „den Wahnsinn des Ungewöhnlichen“. Roussel war, gegen jede eigene Absicht und ohne einen wiederfinde. Begriff oder gar nur das geringste Wissen von einem gerade stattfindenden Umbruch in der Kunst zu ha- maschinen (07 ben, ein Avantgardist wider Willen.

Das konnte sein kryptisches Werk, das Gärten voll wahnsinniger technischer Vorrichtungen entfaltete, die dort von unbekannten Energien betrieben zu- Vor allem Duchamps Freund Picabia kam es zu, die sammenhanglos aufgereiht waren, nicht daran hin- vergesellschafteten Errungenschaften der um die dern, bei der besagten speziellen Abendgesellschaft Jahrhundertwende einsetzenden Elektrifizierung bleibende Spuren zu hinterlassen. Denn seit der ge- und Motorisierung in eine Unzahl metonymischer meinsamen Erfahrung dieser Soiree hielt die Phan- Konstruktionen zu übersetzen. Maschinenteile, in tasmagorie funktionslos in sich kreisender mechanischer Aggregate, der Topos der fiktiven Maschine, übertragen, entblößen in ihrem subversiven Verweisan, die Rolle eines zentralen Codes und Kristallisationspunkts im Œuvre aller Beteiligten zu spielen. Ebendiese hatten wiederum am Anbruch der konzeptuellen Wende der Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlichen Anteil.

1968), Man Ray (1890–1976) und Max Ernst (1891–1976) gewidmet. Vielleicht muss man auch den Übervater Die aus jeder Funktionslogik gerissenen Collagen technischer Geräte sollten der Gesellschaft der schö- Guillaume Apollinaire (1880–1918) hinzuzählen, denn nen neuen Warenwelt den verdrängten Bestand an auch er war an jenem denkwürdigen Ereignis betei- Maschinenabhängigkeit im allgemeinen Unbewussligt, als die Zuwendung zum vieldeutigen Zeichen ten vorführen, indem die Zahnräder der Triebe und der Maschinerie unversehens mit einem auf den Tag Begierden zu einem Triebwerk gefügt beständig zu datierbaren Paukenschlag einsetzte. Es war eben-mahlen anhalten. Gerade ein solches Mahlgerät biljener Abend im Mai 1912, an dem Picabia mit seiner dete das noch unschuldig wirkende Sujet für die ini- Gattin Gabrielle Buffet (1881–1985), Duchamp und tiale Hervorbringung dieser künstlerischen Phase, da Apollinaire der Aufführung eines grotesken Spek-sich Maschinenstürmerei und Maschinenhörigkeit takels beiwohnte: des skandalösen Stücks Impressi-in spöttischer Absicht verbanden: Marcel Duchamp ons d’Afrique von Raymond Roussel (1877–1933) im malte wohl 1911 für die Ausstattung der Küche seines Pariser Théâtre Antoine. Der Autor war ein in Privat-Bruders Raymond Duchamp-Villon (1876–1918) eine mythologien verstrickter, öffentlichkeitsscheuer Dandy in Bewegungsphasen festgehaltene Kaffeemühle, die und reicher Erbe, der es mit Texten, die aller seman-dieser für die 1947 herausgegebene Portfolioausgabe tischen Funktionen ledig im methodischen Sprach- von Du „Cubisme“ als meist von Marcel Duchamp sigspiel vorangetrieben waren, auf einen volkstümlichen nierte Radierung gravierte (07_20). Kurz vor seinem Erfolg, sogar Ruhm abgesehen hatte, der naturgemäß Tod wies er darauf hin, dass sich in dieser heroischen ausbleiben musste. Selbst Duchamp nannte die gänz-ersten Maschinendekonstruktion sein Bedürfnis nach liche Inkohärenz dessen, was ihm da vorgeführt wur- Kreisbewegungen, nach Rotation und, wie er suggeriert, deren parabolischem Verweis auf die Onanie 7 Roussel war, gegen jede eigene Absicht und ohne einen wiederfinde. Damit stellt er ausdrücklich die Verbin- Begriff oder gar nur das geringste Wissen von einem dung zwischen dieser und allen folgenden Junggesellengerade stattfindenden Umbruch in der Kunst zu ha- maschinen (07_06), speziell seinem Schlüsselwerk, dem Großen Glas, her, in der sich die Moulin à café im chocolate grinder spiegelt, in dem der Bachelor wohl- 8 Das konnte sein kryptisches Werk, das Gärten voll gemerkt seine Schokolade selbst anreibt. wahnsinniger technischer Vorrichtungen entfaltete,

wahnsinniger technischer Vorrichtungen entfaltete, die dort von unbekannten Energien betrieben zu- Vor allem Duchamps Freund Picabia kam es zu, die sammenhanglos aufgereiht waren, nicht daran hin- vergesellschafteten Errungenschaften der um die dern, bei der besagten speziellen Abendgesellschaft Jahrhundertwende einsetzenden Elektrifizierung bleibende Spuren zu hinterlassen. Denn seit der ge- und Motorisierung in eine Unzahl metonymischer meinsamen Erfahrung dieser Soiree hielt die Phan- Konstruktionen zu übersetzen. Maschinenteile, in tasmagorie funktionslos in sich kreisender mecha-denen sich rätselhafte Energien als ihre Stimulantia nischer Aggregate, der Topos der fiktiven Maschine, übertragen, entblößen in ihrem subversiven Verweisan, die Rolle eines zentralen Codes und Kristallisati-charakter das mechanische Innenleben, den drü- onspunkts im Œuvre aller Beteiligten zu spielen. Eben-ckenden underbelly der Untertanen dieser Herrschaft diese hatten wiederum am Anbruch der konzeptuel-der Mechanisierung. Ihre Wirkkräfte und Wechsellen Wende der Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahr-beziehungen sind – etwa in den befremdlichen Titeln – mit Konnotationen des Sexuellen und Erotischen verknüpft oder frieren in metaphysischen Rätseln ein, Picabias und Duchamps Fetischismus für die Chiffren die bewusst in der Aufgeladenheit mit unbestimmt der Mechanisierung, den sie in ihrem Werk unter den bleibendem Sinn verharren. Darin entsprechen diese Te r m i n i d e r mécaniques oder der Junggesellenmaschi-auf ihre Dunkelheit insistierenden Verschlüsselungen nen führten, war seiner Natur nach völlig anders ge- freilich dem Bewusstseinsstatus der modernen Welt: artet, als die bedingungslose Affirmation der Indus- Sie evozieren die basale Ungewissheit einer zunehtrialisierung im Futurismus. Von dem unterschied mend auf Naturwissenschaft und Technik beruhenman sich vor allem auch durch die Rolle der Ironie, den Gesellschaft, deren Grundlagen dem laienhaften wie sie mit der in ihrem Kontext weidlich prakti- Begriffsvermögen des Großteils ihrer Mitglieder in zierten Distanz zur Gesellschaft einhergehen musste. eskalierender Weise unverständlich, uneinsehbar und Bereits bei Roussel war Duchamp ja auch aufgefallen, abstrakt geworden sein mussten.

Dafür stehen beispielhaft für das umfangreiche Œuvre Picabias die hier vorgelegten, vor allem zwischen 1915 und 1920 geschaffenen mécaniques (07_13–07_15, sarkastischen Überhöhung des mechanisch über- 07_18, 07_22–07_24, 07_26, 07_27). Ein wenig bekannter heuristischer Steinbruch, an dem sich Picabia Maschine selbst zu, um ihn mit konstruktiver Schärfe bei seinen Kompositionen reichhaltig bediente, ist Henry T. Browns kompendiumartiges illustriertes Lichtdrucktafeln, 1928 erschienen, trug den angemes- Handbuch 507 Mouvements mécaniques, das 1880 in Belgien erschien und dessen Titel bereits irritierende Ve r wa n d t s c h a f t m i t P i c a b i a s Vo r l i e b e f ü r Za h l e n - Während dieses Werk als richtungsweisender Meilencodes bei seinen Zeitschriftentiteln aufweist (07_12, stein in der Entwicklung des Fotobuchs und als Manisiehe auch p. 55). Max Ernst hingegen plünderte für seine unzähligen Collagen, etwa die 147 Illustrations- Würdigung gelangte, blieb ein in seiner progressiverschnitte in La Femme 100 têtes von 1929, den dicken ven Ästhetik fast deckungsgleiches, aber bescheiden Ve r s a n d h a u s k a t a l o g d e r Manufacture française d’armes et cycles (Saint-Étienne) von 1909, der auch von Aus der Konversation zwischen Walter de Haas und Duchamp vielfältig als Quelle herangezogen wurde. Paul Jaray ging der Band Technische Schönheit her-

Um evident werden zu lassen, welche immense Ver- Fotokünstler stammende Bilder auch von Jarays breitung diese Manier einer Ikonografie der Apparate Industriemonumenten wie dem Zeppelin-Luftschiff im Frankreich der 1920er-Jahre erreichte, werden sie ergänzt durch Entwicklungen desselben Bildthemas und Beweggrundes bei den künstlerischen Weggefährten Georges Ribemont-Dessaignes (1884– 1974), Max Ernst und Man Ray (07_25, 07_09, 07_28, In erkennbarer Nähe zu Jarays Geschöpfen und unter 07_19). Dass sie bereits auf Spuren der Revolution von Dada in Deutschland zurückrühren, lässt sich hier am programmatischen Mechanischen Kopf Raoul Hausmanns (1886–1971) von 1919 erkennen, dessen Untertitel den Geist unserer Zeit besagt und also die Konstruktivisten Wladimir J. Tatlin (1885–1953) mit kritische Sichtweise der bildhaften Denkfigur der seiner mehr skulpturhaften als wirklich flugtaugli- Maschinenallegorie ausspricht (07_08). Zwei bemerkenswert privaten Zwecken dienende

Belgien erschien und dessen Titel bereits irritierende Ve r wa n d t s c h a f t m i t P i c a b i a s Vo r l i e b e f ü r Za h l e n - Während dieses Werk als richtungsweisender Meilen- 12, stein in der Entwicklung des Fotobuchs und als Manisiehe auch p. 55). Max Ernst hingegen plünderte für fest einer neuen Fotografie zu großer kunsthistorischer seine unzähligen Collagen, etwa die 147 Illustrations- Würdigung gelangte, blieb ein in seiner progressiverschnitte in La Femme 100 têtes von 1929, den dicken ven Ästhetik fast deckungsgleiches, aber bescheiden Ve r s a n d h a u s k a t a l o g d e r Manufacture française d’armes auftretendes Büchlein vergleichsweise unbemerkt. et cycles (Saint-Étienne) von 1909, der auch von Aus der Konversation zwischen Walter de Haas und Duchamp vielfältig als Quelle herangezogen wurde. Paul Jaray ging der Band Technische Schönheit hervor. Er führt zum Teil aus der Produktion bekannter Um evident werden zu lassen, welche immense Ver- Fotokünstler stammende Bilder auch von Jarays breitung diese Manier einer Ikonografie der Apparate Industriemonumenten wie dem Zeppelin-Luftschiff im Frankreich der 1920er-Jahre erreichte, werden sie an und wurde in der Reihe der Schaubücher ein Jahr ergänzt durch Entwicklungen desselben Bildthemas nach Krulls Resultat und gewiss in Unkenntnis desund Beweggrundes bei den künstlerischen Weg-selben in Zürich verlegt (07_01, 07_03). gefährten Georges Ribemont-Dessaignes (1884–

Zwei bemerkenswert privaten Zwecken dienende Fotografien Man Rays deuten auf den Umstand hin, Strömungsgestalt, wie sie Jaray 15 Jahre vorher zum dass die surrealistische Verachtung der mechanisierten Ding- und Warenwelt bisweilen auch von der fen eingebracht hatte, was sie zum sogleich weltweit distanzlosen Leidenschaft zur bella macchina, dem wahrgenommenen Zeichen eines technologischen Sportwagen, tangiert sein konnte (07_04, 07_16). Sie Aufbruchs machen sollte. zeigen im Jahr 1921 den stolzen Besitzer und den nicht minder stolz in gebückter Rennhaltung posierenden Fotografen hinter dem Steuer des Delage von Picabia. bis heute unterschätzte Gestalt der Moderne und Vo n d e m ve r m e l d e t d i e A n e kd o t e , e r h a b e d a s b e - trächtliche Familienvermögen an den sukzessiven Erwerb von 150 Limousinen und Rennautos verschwendet. Bei Man Ray ist die Zuwendung zum Objekt der Begierde, der seinem Fahrer als Geschwindigkeitsprothese zustattenkommenden Fahrmaschine, im Erwerb der ersten Stromlinienkarosse von Peugeot wicklungsidee der Kulturgeschichte als beständig dokumentiert, die sich überdies einer Lizenz Paul Jarays verdankte, und in den vielen weiteren obsessiven Automobilporträts in seinem Werk (siehe auch p. 52/53).

gefährten Georges Ribemont-Dessaignes (1884– _28, In erkennbarer Nähe zu Jarays Geschöpfen und unter 19). Dass sie bereits auf Spuren der Revolution von ihrem Eindruck stehend artikulierten sich auch zwei Dada in Deutschland zurückrühren, lässt sich hier aus disparaten Gegenden und Hintergründen heram programmatischen Mechanischen Kopf Raoul stammende Autoren der 1930er-Jahre: Bei dem älte- Hausmanns (1886–1971) von 1919 erkennen, dessen ren der beiden handelt es sich um den sowjetischen Untertitel den Geist unserer Zeit besagt und also die Konstruktivisten Wladimir J. Tatlin (1885–1953) mit kritische Sichtweise der bildhaften Denkfigur der seiner mehr skulpturhaften als wirklich flugtauglichen Experimentalflugmaschine Letatlin, um die er sich seit 1930 bemühte (07_02). Sie zitiert in ihrem Zwei bemerkenswert privaten Zwecken dienende tektonischen Kern die Spindelform der optimierten Fotografien Man Rays deuten auf den Umstand hin, Strömungsgestalt, wie sie Jaray 15 Jahre vorher zum dass die surrealistische Verachtung der mechanisier-ersten Mal in die Konstruktionsweise von Luftschiften Ding- und Warenwelt bisweilen auch von der fen eingebracht hatte, was sie zum sogleich weltweit distanzlosen Leidenschaft zur bella macchina, dem wahrgenommenen Zeichen eines technologischen 16). Sie Aufbruchs machen sollte. zeigen im Jahr 1921 den stolzen Besitzer und den nicht


VITRINE 08 Bauhaus / Le Corbusier Aerodynamik und Funktionalismus

Das älteste Dokument in dieser Vitrine zur Kulturgeschichte von Sachlichkeit und Zweckform als Gestaltungsprämissen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist das 14. und letzte Jahrbuch des Deutschen Zwei Jahre nach Jarays erster Veröffentlichung zu Werkbunds vor Beginn des Ersten Weltkriegs (08_11). Luftwiderstandsuntersuchungen und ein Jahr, bevor Es trägt den Untertitel Der Verkehr und enthält neben einem programmatischen Essay des späteren Grün- Boden erhob, formulierte Neumann bereits deren ders des Bauhauses Walter Gropius zum Stilgebenden Wert industrieller Bauformen diverse Aufsätze Intuition zuwiderlaufendes Prinzip: „vorn rund und zur funktionalistischen Formentwicklung von Peter hinten spitz“. Sowohl das Jahrbuch als auch die zuge- Behrens, Hermann Muthesius, Karl Ernst Osthaus, hörige Ausstellung legten Neumanns Überlegungen Bruno Paul und anderen. Ein Text, der mit dem Slogan Die Architektur der Fahrzeuge überschrieben ist, ragt in der Vitrine aufgeschlagen sind. Sie lassen erkennen, für den hier betrachteten Themenkreis heraus. Es wie beschränkt der Übergang zum windschnittigen ist neben der erwähnten Randnotiz bei Alois Riedler Profil noch war und wie begrenzt auch die korrespon- (01_04) eine der frühesten Stellungnahmen zur Aerodynamik des Automobils überhaupt und wird von waren. Neumanns strömungsoptimierende Eingriffe einem schillernden Vertreter des Typus des Künstler- Konstrukteurs im Klima des revolutionären Berlin der 1910er- und 1920er-Jahre vertreten.

Ernst Neumann-Neander (1871–1954), wie er sich mit Wind steht wie die traditionelle Kühlerfront. Er hatte der griechischen Übersetzung seines Nachnamens als dessen Appendix nannte und als futuristischen Neuen Maschinenwagens ist der Zukunft noch vorbehalten.“ Menschen auswies, war alles in einem: Maler, Plakatkünstler, politischer Karikaturist, Motorradrenn- Viele der im Werkbund aktiven Autoren sind den fahrer, Motorradfabrikant eigener Konstruktionen, Stammvätern und dem Lehrkörper des von 1919 Karosseriegestalter und schließlich Impulsgeber und Initiator einer eigenen Gattung von Bodenfahrzeugen. hauses zuzurechnen. Neben Walter Gropius waren Er erdachte und baute die sogenannten Fahrmaschinen, einsitzige kleine preiswerte stromlinienförmige Ludwig Mies van der Rohe, Karl Ernst Osthaus, Lilly Rennwagen, die nur einem dienten: Nicht dem Trans- Reich oder Henry van de Velde, die an dieser wichtigport von A nach B, sondern dem spielzeugähnlichen, sten pädagogischen Einrichtung der Moderne weiter aber ausgewachsenen Selbstzweck, dem der reinen motorischen Freude. Es verblüfft, was Neumann in Handwerk und Industrieproduktion unter dem seiner Schrift für den Werkbund bereits wissen und fordern konnte, denn er hatte erkannt: „Bewegung ist bedingt durch motorische Kraft, motorische Kraft fordert die für sie günstigste Ausgestaltung der Form. Nützlichkeit eines Gebrauchswerts partizipiere sei- […] Es wurde festgestellt, daß der Luftwiderstand eines schnellen Wagens mehr als ein Drittel der Motorkraft Ve r f o l g u n g d i e s e r D i re k t i ve s p i e l t e – wie im Folgenabsorbierte. Verringerter Luftwiderstand bedingt glatte, den ersichtlich wird – die mit der Strömungsmechanik geschlossene Formen. So entstand die Torpedokarosserie. in dieser Zeit am dramatischsten in die Welt treten- Die Schnelligkeitsrennen der Rennwagen, die Rekorde verlangten die höchste Ausnutzung der aerodynamischen Elemente. Wenn die Luft durchschnitten, zur Sei- Eine entscheidende Vorreiterin des in Ingenieursfragen te gedrängt wird, so muß sie irgendwo wieder zusammenkommen. […] Hinter dem Fahrzeug soll die Luft mus, an der Bauhaus-Lehrer beteiligt waren und der 9 zwanglos zusammenfießen, daher hinten die Spitze.“

Hier verwendet der bei seinen Freunden unter dem Kürzel „N2“ fungierende weil seiner Zeit immer voraus seiende Visionär auch zum ersten Mal den Begriff Architektur der Geschwindigkeit. Alle „mobile Baukunst“ müsse als „Architektur der Kurven“ statt „würfelförmiger Körperformen“ begriffen werden. Und ihre Vernunft, da ist er sich mit Jaray einig, bemesse sich einzig an ihrer Energieeffizienz. Sich gegen den

derts ist das 14. und letzte Jahrbuch des Deutschen Zwei Jahre nach Jarays erster Veröffentlichung zu 11). Luftwiderstandsuntersuchungen und ein Jahr, bevor sich dessen neue Luftschiffkontur als Volumen vom einem programmatischen Essay des späteren Grün- Boden erhob, formulierte Neumann bereits deren strömungsmechanisches und allen Vorurteilen der den Wert industrieller Bauformen diverse Aufsätze Intuition zuwiderlaufendes Prinzip: „vorn rund und zur funktionalistischen Formentwicklung von Peter hinten spitz“. Sowohl das Jahrbuch als auch die zuge- Behrens, Hermann Muthesius, Karl Ernst Osthaus, hörige Ausstellung legten Neumanns Überlegungen auch in Gestalt ausgeführter Automobile vor, wie sie Die Architektur der Fahrzeuge überschrieben ist, ragt in der Vitrine aufgeschlagen sind. Sie lassen erkennen, für den hier betrachteten Themenkreis heraus. Es wie beschränkt der Übergang zum windschnittigen ist neben der erwähnten Randnotiz bei Alois Riedler Profil noch war und wie begrenzt auch die korrespondierenden Möglichkeiten industrieller Blechformung dynamik des Automobils überhaupt und wird von waren. Neumanns strömungsoptimierende Eingriffe beschränkten sich neben weiter nach unten gezogenen, aber immer noch frei stehenden Kotflügeln auf den radial gebogenen Übergang von der Motorhaube zur Windschutzscheibe, die ebenso senkrecht im Ernst Neumann-Neander (1871–1954), wie er sich mit Wind steht wie die traditionelle Kühlerfront. Er hatte also recht, wenn er urteilte: „Die endgültige Form des 11 dessen Appendix nannte und als futuristischen Neuen Maschinenwagens ist der Zukunft noch vorbehalten.“

künstler, politischer Karikaturist, Motorradrenn- Viele der im Werkbund aktiven Autoren sind den fahrer, Motorradfabrikant eigener Konstruktionen, Stammvätern und dem Lehrkörper des von 1919 bis 1933 in der Weimarer Republik bestehenden Bau- Initiator einer eigenen Gattung von Bodenfahrzeugen. hauses zuzurechnen. Neben Walter Gropius waren dies vor allem Lyonel Feininger, Ludwig Hilberseimer, nen, einsitzige kleine preiswerte stromlinienförmige Ludwig Mies van der Rohe, Karl Ernst Osthaus, Lilly Rennwagen, die nur einem dienten: Nicht dem Trans- Reich oder Henry van de Velde, die an dieser wichtigport von A nach B, sondern dem spielzeugähnlichen, sten pädagogischen Einrichtung der Moderne weiter an einer neu zu denkenden Versöhnung von Kunst, motorischen Freude. Es verblüfft, was Neumann in Handwerk und Industrieproduktion unter dem Gesichtspunkt einer nüchtern-sachlichen Formensprache, die von Vernunft und also auch wissenschaftlicher Einsicht bestimmt sein sollte, arbeiteten. An der fordert die für sie günstigste Ausgestaltung der Form. Nützlichkeit eines Gebrauchswerts partizipiere seine von ihr mitdefinierte ästhetische Qualität. In der schnellen Wagens mehr als ein Drittel der Motorkraft Ve r f o l g u n g d i e s e r D i re k t i ve s p i e l t e – wie im Folgenabsorbierte. Verringerter Luftwiderstand bedingt glatte, den ersichtlich wird – die mit der Strömungsmechanik geschlossene Formen. So entstand die Torpedokarosserie. in dieser Zeit am dramatischsten in die Welt tretende neue Forschungsdisziplin eine sehr große Rolle.

Gleiches galt für den mit dem Bauhaus im Wettstreit Verbrauch sparsamen zweisitzigen Wagens für die liegenden, ihm aber über seinen Lehrer Peter Behrens (1868–1940) und einen ähnlichen Ausgangspunkt in der rationalistischen Gestaltungsposition verbundenen Le Corbusier (1887–1965). Dieser Name war eigentlich das Pseudonym von Charles-Édouard Jeanneret- Inspiration aus Paul Jarays Patenten bezogen. Die von Gris, unter dem er zu großem Ruhm gelangen sollte, Le Corbusier eingereichten Pläne wurden von ihm das er aber zunächst mit seinem damaligen Freund und Mitstreiter, dem Künstler Amédée Ozenfant (1886–1966) teilte. Ihre unter diesem Alias 1923 als Buch verlegte gemeinsame Programmschrift Vers une architecture lässt erkennen, wie sehr beide die Aeronautik als Leitwissenschaft der Gestaltung zu Auch er bezog sich offenkundig auf Grundeinsichten schätzen wussten, weil sie zur Überwindung von Willkür zwinge (08_09, 08_10, siehe auch 08_01): Die Anwendung des Flugzeugs verzeiht falsche Aero- sem Missverhältnis zu den Gesetzen des Anliegens dynamik nicht, während unzureichende Strömungseigenschaften bei Automobilen umstandslos durch vermehrten Kraftstoffverbrauch und Motorleistung kompensiert werden können, was bis heute unver- Konstruktion aus Grundkörpern, vor allem Kreismindert geschieht.

Gleiches galt für den mit dem Bauhaus im Wettstreit Verbrauch sparsamen zweisitzigen Wagens für die breite Bevölkerung, der überdies der Anforderung einer Mindestgeschwindigkeit genügen sollte (08_03, 08_05). Fast alle Modelle der Wettbewerbseinreichungen wiesen Stromlinienkarosserien auf, die ihre lich das Pseudonym von Charles-Édouard Jeanneret- Inspiration aus Paul Jarays Patenten bezogen. Die von Gris, unter dem er zu großem Ruhm gelangen sollte, Le Corbusier eingereichten Pläne wurden von ihm lange Zeit als diejenige Arbeit seines Werks angesehen, auf die er besonders stolz sein zu können glaubte (08_08). Vermutlich sah er den Entwurf auch als ungenannte Antezedenz des späteren Citroën 2CV.

Der französischen wie der späteren deutschen Aus- tare Formeninventar der Geometrie, wie sie speziell gabe lässt sich entnehmen, dass zum avancierten Wissensstand der beiden Autoren der damals gerade Vo r u r t e i l vo n S c h ö n h e i t , d a s s e l b s t ke i n e m Ve r n u n f t - erst experimentell erworbene aerodynamische Begriff vom Verhalten grundlegender Körper wie der ihrer Eindeutigkeit, aber auch ihm ist entgegenzu- Scheibe, der Kugel oder der Halbkugel gehörte. Sie geben nicht nur den Koeffizienten des Strömungswiderstands an, sondern führen auch die zum Ei verkürzte Spindel als Idealkörper. „Die Konusform, die am besten den Luftwiderstand überwindet, ist durch Berechnung gefunden worden; sie bestätigt die zweck- Solche abstrakten Körper, Rechtecke, Dreiecke und mäßige Gestalt der Naturgeschöpfe, des Fisches, Vogels Kreisformen zieren als optische Kundgabe prononusw. Experimentelle Anwendung: das Luftschiff, der cierter Orthodoxie den Umschlag einer frühen Publi- 12 Rennwagen.“ Auch woher sie diese Offenbarung kation des Bauhaus-Schülers und -Lehrers Siegfried beziehen, klingt also in der Bildunterschrift an: aus den Applikationen für den Umriss von Luftschiffen und den des Rennwagens – den zwei ersten inge- rische Züge und naturwissenschaftliche Sachkunde nieurspraktischen Anwendungen von Jarays theoretischer Pionierleistung.

Aeronautik als Leitwissenschaft der Gestaltung zu Auch er bezog sich offenkundig auf Grundeinsichten der Fluiddynamik und Jarays Vorgaben, verarbeitete diese aber in einer bezeichnenden Weise: Im kras- Anwendung des Flugzeugs verzeiht falsche Aero- sem Missverhältnis zu den Gesetzen des Anliegens dynamik nicht, während unzureichende Strömungs-laminarer Strömung bemühte er sich darum, die eigenschaften bei Automobilen umstandslos durch räumlich ausgebildete Idealgestalt bei Jaray einer vermehrten Kraftstoffverbrauch und Motorleistung nur in der Seitenansicht betrachteten geometrischen kompensiert werden können, was bis heute unver- Konstruktion aus Grundkörpern, vor allem Kreissegmenten und Dreiecken, einzuschreiben. Die fraglose ästhetische Wertschätzung für das elemen- Der französischen wie der späteren deutschen Aus- tare Formeninventar der Geometrie, wie sie speziell gabe lässt sich entnehmen, dass zum avancierten im Bauhaus praktiziert wurde, ist jedoch ein bloßes Wissensstand der beiden Autoren der damals gerade Vo r u r t e i l vo n S c h ö n h e i t , d a s s e l b s t ke i n e m Ve r n u n f t - erst experimentell erworbene aerodynamische Be-grund entspricht. Le Corbusier warb für sie wegen griff vom Verhalten grundlegender Körper wie der ihrer Eindeutigkeit, aber auch ihm ist entgegenzuhalten, dass nur deshalb, weil die reine Geometrie geben nicht nur den Koeffizienten des Strömungs-ewig ist, daraus keinesfalls folgt, dass das, was aus widerstands an, sondern führen auch die zum Ei ver-ihren Körpern aufgebaut ist, auch zeitlose Gestaltung 13 kürzte Spindel als Idealkörper. „Die Konusform, die darstellt. am besten den Luftwiderstand überwindet, ist durch

Trotzdem verblüfft dieser um 1923 gewonnene Sachverstand zweier Künstler. Dass sie mehr als das waren, reform (08 erklärt den Umstand: Der in seiner Expertise unge- 1926 vor allem bei Wassily Kandinsky (1866–1944) heuer versatile Maler, Architekt und Avantgardist Ozenfant hatte zusammen mit seinem Ingenieurs- Ideen zu Biotechnik, zu biologischer Architektonik bruder bereits 1911 den später nach seinem Besitzer „ und Biomimese insbesondere dem Botaniker und Alphonse XIII“ getauften Hispano Suiza-Torpedo- Vorreiter dieser Denkweisen Raoul Heinrich Francé wagen entworfen. Offenbar war er es auch, der half, (1874–1943) nahe. Aus diesen Einflüssen schöpfte er im die Beschränkung der ersten von Jaray zwangsläufig Rahmen seines langjährigen Arbeitsverhältnisses für benutzten, zu hoch aufbauenden Chassisgeneration Hugo Junkers, der ihn ab 1925 als Ideengeber beschäfzu überwinden: Der Vorschlag, die Kardanwelle un- tigte, und nach dessen Enteignung durch das Regime ter statt über den Rahmenträgern zu führen, kam von ihm – einem Künstler – und er bedeutete einen im- Im Zuge dieses Verhältnisses entstanden die hier ausmer noch validen technischen Durchbruch.


Aerodynamik und Hausbau, die Ebeling für Junkers durchführte, ist als Typoskript von 1944 ebenso erhalten wie die dazugehörende Skizze zu einem Zukunftsbau, dem Kugelhaus im Meer (08_12–08_14).

Der andere Bauhaus-Schüler, in Dessau ebenfalls als Leiter des Vorkurses tätig, aus dessen Arbeit die starke Affinität zur neuen Strömungslehre am Bauhaus hervorgeht, ist Fritz Schleifer (1903–1977). Dieser absolvierte seine Bauhaus-Lehre ab 1922 unmittelbar vor Ebeling ebenfalls bei Kandinsky, vor allem aber bei Oskar Schlemmer (1888–1943) und Lyonel Feininger (1871–1956). Aus zwei Gründen war er als Beteiligter an der Bauhaus-Geschichte eine beachtliche Figur. Zum einen stammte aus seiner Hand das Signet der Bauhaus-Ausstellung in Weimar 1923, eines der ikonischsten Aushängeschilder der Bewegung. Zum anderen war er der Erste, dem es erfolgreich gelang, die Bauhaus-Pädagogik außerhalb des unmittelbaren Wirkungskreises der Schulen in Weimar und Dessau zu praktizieren. Durch den Direktor der Landeskunstschule in Hamburg Friedrich Max Sauerlandt (1880–1934) erhielt er dort 1930 eine Stelle mit dem dezidierten Auftrag, in den neu gebildeten Klassen die Didaktik der Vorkurse als freier künstlerischer Lehrer weiter zu tradieren.

Diese Vorklassen unter Schleifer fanden bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 statt, der unmittelbar nach Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, dessen einziger Zweck die Entfernung jüdischer und politisch missliebiger Beamter war, die Entlassung Sauerlandts und aller durch ihn berufenen Lehrkräfte nach sich zog. Sämtliche Schülerarbeiten, derer das Regime habhaft werden konnte, fielen auf sein Geheiß sofortiger Vernichtung anheim oder wurden als Beweismittel für den kulturellen Niedergang sichergestellt und 1937 der Reichskammer der bildenden Künste in Berlin übergeben.

Aus der so glühenden wie kurzen Phase der bemerkenswert progressiven und interdisziplinären Ideale Sauerlandts blieben einzig einige Glasnegative von Schülerarbeiten und wenige originale Werke seiner Studenten erhalten, die Fritz Schleifer versteckt hatte, um sie vor der Beschlagnahme zu bewahren. Sowohl Abzüge dieser Bilder als auch ein herausragendes, erst jüngst wiederentdecktes Blatt ist hier zu sehen: Letzteres ist eine Konstruktionszeichnung mit dem Titel Isometrische Darstellung einer Stromlinienform. Sie beweist nichts weniger, als dass naturwissenschaftliche Grundlagenforschung in enger zeitlicher Bindung an ihre früheste Publizität Eingang in die Lehre des Bauhauses fand.

Ästhetische Anklänge an die Darstellung laminarer Strömung finden sich auch in den von Schleifer fotografisch dokumentierten Lösungen für räumlichtektonische Aufgaben durch seine Studenten (08_02).

Germany, Bavaria Bayerische Staatsbank

H 1921 Bruns

(1)

ohne Abbildung

ETIENNE (ISTVÁ N) BEÖTHY, Konstruktionszeichnung für eine Skulptur, Bleistift auf Papier (o. Ort, o. Datum, monogrammiert). MA


VITRINE 09 Industrielle Moderne Warenästhetik in den USA

Vor allem die Erstere in Chicago kam in der Absicht zustande, die Weltwirtschaftskrise durch das Berei- Allerdings gab die Ausstellung auch der Automobilten eines neu aufblühenden Konsumklimas zu überwinden. Sie war damit ein einziges gigantisches sales incentive, eine Maßnahme der Verkaufsförderung Silver Arrow, eine Luxuslimousine US-amerikanimit gesellschaftlichem Maßstab und also angemessen überschrieben mit dem Versprechen eines besseren Morgen: A Century of Progress. Im Unterton dieser Elemente galt, etwa den verkleideten Hinterrädern, Verpflichtung des sozialen Ganzen auf ein ästhetisches Ideal der Geschwindigkeit schwang stets der auf das ökonomische Gesetz von Effizienz und Rationalisierung, die Methoden des Taylorismus, berechnete Vorrang der Eile mit: die Zeitkontrolle jeder Leistungsvollbringung im von der Stoppuhr getakteten Pro- ter Laminarströmung eher untypische Karosse nur, duktionsprozess. Das primäre Feld der Durchsetzung weil die Jaray Streamline Corporation dem Hersteller einer allgemeinen Kultur standardisierter Arbeitsabläufe am Fließband war dabei die Massenproduktion wurde von Jaray, der in dem Ungetüm keine seiner von Personenkraftwagen.

Das eine Aushängeschild der Chicagoer Schau von 1933 war eine als Sky Ride bezeichnete Schwebe- te und als Aerodynamiker auch bei General Motors bahn. Scheinbar von Raketen betrieben, griff sie auch im Zitat wissenschaftlicher Aerodynamik nur auf die Ve r s a t z s t ü c ke e i n e r d e m o n s t ra t i ve n F i k t i o n a l i s i e r u n g zurück. Das andere, überdies als Sonderbriefmarke gewürdigte Medienspektakel der Veranstaltung, als Lincoln-Zephyr vermarktete. Tjaarda war auch war hingegen der Besuch des reiner Zweckmäßigkeit geschuldeten Denkmals der heroischen Phase der Strömungsmechanik: Jarays Luftschiffform in Gestalt des LZ 127 Graf Zeppelin. Sein Erscheinen über dem Himmel des Zukunftsversprechens wird allgemein als einer der Höhepunkte geführt. Diese Jarays Theorie stellte das ebenfalls 1933 zustande ge- Epiphanie, noch unbeeinträchtigt von der Wahrnehmung als nationales Propagandamittel des späteren Kriegsgegners Deutschland, wird im prächtigen Ein- (1895–1983) dar (09 band des Jahrbuchs der Texas A&M University 1930

Als letzte verbindliche Stilepoche in der westlichen Welt gelangte die Stromlinienmode für mehr als zwei Über den Vermittlungsschritt des deutschen Schienen- Dekaden zu obligatorischer kultureller Geltung – zeppelins von 1930, er hielt den Geschwindigkeitsdenn im Anschluss prävalierte nur noch der anhal- weltrekord für Eisenbahnen, war diese Leitbildfunktende Pluralismus transitorischer Trends. Sie nahm tion bei der Chicago World’s Fair etwa anwesend im ihren propagandistischen Ausgang in den USA bei viel reproduzierten Modell eines Schnellzugs der den dort veranstalteten beiden Weltausstellungen in Union Pacific Railroad, der bereits von sich behaupte- Chicago 1933 und New York 1939, um anschließend te, seine spindelförmige Windschnittigkeit den Tests fast ubiquitär im Produktdesign der Warenwelt aus-im Windkanal zu verdanken. Es waren vor allem die Triebwagen von Reisezügen, die zunächst mit dem Ausdruck Streamliner versehen wurden. Vor allem die Erstere in Chicago kam in der Absicht

zustande, die Weltwirtschaftskrise durch das Berei- Allerdings gab die Ausstellung auch der Automobilindustrie Gelegenheit, diese Assoziation von Fortschritt aufzugreifen. So erfuhr der Pierce-Arrow incentive, eine Maßnahme der Verkaufsförderung Silver Arrow, eine Luxuslimousine US-amerikanischer Opulenz, große Resonanz, die freilich einer nur formalistischen Bezugnahme auf strömungsgünstige Morgen: A Century of Progress. Im Unterton dieser Elemente galt, etwa den verkleideten Hinterrädern, den integrierten Scheinwerfern und dem lang auslaufenden Heck. Diesen widersprach jedoch die konservative Pathosformel eines gewaltigen, wenn auch gepfeilten Kühlergrills. Erwähnenswert ist diese sonst für die US-amerikanische Konjunktur gleichnishafvollbringung im von der Stoppuhr getakteten Pro- ter Laminarströmung eher untypische Karosse nur, duktionsprozess. Das primäre Feld der Durchsetzung weil die Jaray Streamline Corporation dem Hersteller mit einer Klage auf Patentverletzung begegnete. Sie läufe am Fließband war dabei die Massenproduktion wurde von Jaray, der in dem Ungetüm keine seiner Erkenntnisse vernünftig genutzt sah, selbst nicht befürwortet und führte schließlich zu nichts, weil das Stand die Messe in Chicago noch unter dem archi- Unternehmen vor einem Urteil in Insolvenz ging.

Eine weitere rationale und radikale Bezugnahme auf allgemein als einer der Höhepunkte geführt. Diese Jarays Theorie stellte das ebenfalls 1933 zustande gekommene Dymaxion-Auto des homo universalis und Zukunftsdenkers Richard Buckminster Fuller Kriegsgegners Deutschland, wird im prächtigen Ein- (1895–1983) dar (09_09). Dieser war mit Jarays Auffassungen durch den US-amerikanischen Ingenieur

Walter Edwin Lay (1889–1974) bekannt geworden, Ihren endgültigen Siegeszug erfuhr die sich so verder in dem Artikel „Is 50 Miles Per Gallon Possible With Correct Streamlining?“ mehr als ein Jahrzehnt nach ihrer Erstveröffentlichung dessen Pateninhalte Te m p o a u f d e r 1 9 3 9 f o l g e n d e n New York World’s Fair 14 in den USA wieder in die Diskussion brachte. Immer noch überrascht die Konstruktion durch den niedrigen Verbrauch, die gleichzeitig erreichbare Höchstgeschwindigkeit und die hohe Ladekapazität. Allerdings Tomorrow vertrat. Sie fiel in einen Zeitraum, der den ereilte das raumgreifende dreirädrige, auf der Stelle wendbare Experiment ausgerechnet auf dem Gelände der Chicagoer Weltausstellung sein Schicksal, Themenpark im Hauptgebäude, einer riesigen Kugelals der Wagen sozusagen unter den Augen der Welt- öffentlichkeit in einen Unfall verwickelt wurde, der den Fahrer das Leben kostete. Fuller verlor daraufhin die Unterstützung seiner Investoren. Die aerody- Unbestrittener Publikumsmagnet war allerdings namischen Qualitäten des Dymaxion waren mit Windkanalmodellen aus der Hand des Bildhauers Isamu Überschrift Futurama aufgeführt wurde und für be- Noguchi (1904–1988), eines engen Freundes Fullers, trächtliches Echo sorgte (09 ermittelt worden (siehe p. 67).

Walter Edwin Lay (1889–1974) bekannt geworden, Ihren endgültigen Siegeszug erfuhr die sich so verder in dem Artikel „Is 50 Miles Per Gallon Possible körpernde und zunehmend auf alle Warenberei- With Correct Streamlining?“ mehr als ein Jahrzehnt che verallgemeinernde skulpturale Paraphrase von nach ihrer Erstveröffentlichung dessen Pateninhalte Te m p o a u f d e r 1 9 3 9 f o l g e n d e n New York World’s Fair im Flushing Meadows Park, die stilistisch omniprä- noch überrascht die Konstruktion durch den niedri-sent die Mimik der Stromlinie aufgesetzt hatte und gen Verbrauch, die gleichzeitig erreichbare Höchstge-im Untertitel den Anspruch Building the World of schwindigkeit und die hohe Ladekapazität. Allerdings Tomorrow vertrat. Sie fiel in einen Zeitraum, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs markierte, weswendbare Experiment ausgerechnet auf dem Ge-halb ihr etwa mit dem als Democracity bezeichneten lände der Chicagoer Weltausstellung sein Schicksal, Themenpark im Hauptgebäude, einer riesigen Kugelals der Wagen sozusagen unter den Augen der Welt-architektur, der Perisphere, auffällig politisierte Züge öffentlichkeit in einen Unfall verwickelt wurde, der anzusehen waren. den Fahrer das Leben kostete. Fuller verlor darauf-

Fullers Zukunftsschau eines omni-medium transport vehicle, ursprünglich für die Fortbewegung auf Bo- mobilhersteller zukam. Dieses Konzept für ein Illuden, in Luft und Wasser konzipiert, erwies sich in einer Hinsicht als zukunftsträchtige Anwendung des GM-Pavillons überzeugte das Management so der Typentafel Jarays: nämlich was die Karriere der Stromlinienform in den Vereinigten Staaten anlangte. ter und Schaufensterdekorateur freie Hand über alle Fuller wählte, bei seiner utopistischen Ambition Bereiche der Präsentation bekam. Ihre Ausrichtung kaum überraschend, aus dem Angebot die einfachste und zugleich einprägsamste Fasson, die dem Idealkörper am nächsten kam und zugleich expressiv war: dem Motto Highways & Horizons plante, war nichts die einteilige Gestaltung als Einvolumen- oder Uni- weniger als das immersive Erlebnis einer simulierten body-Korpus. Jaray fand ihn unpraktisch und ver- Flugzeugreise durch die USA der Zukunft. Er verwandte ihn für Bodenfahrzeuge selbst nie. Die bei einem Streckungsverhältnis von 6:1 notwendige Länge schien ihm, jedenfalls für europäische Stadtpläne und Nicht nur ein flächenvernetzendes System von Inter- Straßenführungen, zu raumgreifend. Nur bei dieser Verlängerung aber bleibt die laminare Strömung bis wie die Technologie autonomen Fahrens oder eine zum Heck erhalten.

gerverkehr wurden hier vorweggenommen. Die auf Während in Deutschland die Urform nur einmal ins beweglichen Sitzen geführte Reise über futuristische Recht gesetzt wurde und mit dem 1939 realisierten Modelllandschaften einer motorisierten Welt endete Schlör-Wagen dabei zugleich einen unübertroffenen mit dem überraschenden Ausblick auf eine gewalcw-Wert erreichte, dominierte dieser illustrativste tige städtische Straßenkreuzung in Lebensgröße. Das Ausdruck des Science-Fiction-Charakters strömungs-hier vorgesehene Fernstraßennetz wurde zwar erst dynamisch gestylter Automobile den US-amerikani-in den 1960er-Jahren in den USA der Eisenhowerschen Geschmack fürderhin in Gänze (09_14, 09_18). Administration vorangetrieben, aber die Vorhersagen, Anders als bei Buckminster Fuller war dieser Publi-die Bel Geddes einer Gesellschaft der Automobilität kumserfolg und sein Unterhaltungseffekt aber meist machte, trafen ein. Allenfalls, dass er vergaß, Faktoren auch mit dem Verlust aller inhärenten Vernunft erkauft: wie Verkehrsstaus, der Schadstoffemission, der Luft- Die vielen eiförmigen US-amerikanischen Auto- verschmutzung und dem Smog US-amerikanischer mobilprojektile waren größtenteils als von der Wer-Großstädte, der Gesundheitsbelastung durch Straßenbung instrumentalisierte Utensilien des Spektakels lärm oder der Klimaerwärmung Erwähnung zu allein den Berechnungen der Aufmerksamkeitsöko- tun. Mit seinem Buch Horizons, der Zusammenfasnomie ergeben, weshalb sie in den Pressemeldungen sung seiner Zukunftsschau, lieferte Bel Geddes das der Zeit zurecht als „publicity experiment“ ausgewie- Standardwerk der Streamline-Ästhetik (09 sen werden (09_01, 09_04, 09_08, 09_12, 09_15, 09_20, 09_28, 09_29). Zum Fortschritt der Aerodynamik, zu Die gewaltige Prominenz, die Bel Geddes als Wegder sie nur in einem allegorischen Verhältnis standen, bereiter dieser Mode und als Modeschöpfer ihrer trugen diese Fantasien nichts bei. glattesten Stromlinienkarosserien (09 geht einher mit dem In-die-Welt-Treten eines neuen Berufsbildes, dem er mit der Gründung des Ver- auch vorstand: der Erfindung des Stylisten und des von ihm hervorgebrachten Signature Designs. Seine ersten Protagonisten erfreuten sich einer Art des Celebrity-Status, wie er sich heute mit Popstars und Schauspielerinnen und Schauspielern verknüpft. Ihre Profils zu verleihen. Prominenz als herausragende Persönlichkeiten mit größter Medienpräsenz in der Nachkriegszeit steht im bemerkenswertesten Kontrast zur Stellung desjenigen Individuums, aus dessen Leistung sie ihre allen seinen Überzeugungen zuwiderlaufenden Verfremdungen geschöpft hatten – Paul Jaray und seiner dem Vergessen anheimgefallenen Autorschaft.

Mit den Weltausstellungen traten eine ganze Reihe solcher Hauptdarsteller mit flamboyantem Auftreten in die Welt, die sich als Designer im Besonderen von Automobilen und deren vermeintlicher Stromliniengestalt hervortaten. Hier sind neben Bel Geddes vor allem Raymond Loewy, Walter Dorwin Teague, auch Charles Eames (1907–1978) und Henry Dreyfuss (1904–1972) zu nennen.

Raymond Loewy (1893–1986) behauptete sich am ehesten auf dem gleichen Rang an Berühmtheit, den Bel Geddes vorgegeben hatte. Auf der New Yorker Ausstellungsplattform von 1939 war er mit einem Car of Tomorrow für den Chrysler-Pavillon präsent, das sich von Bel Geddes’ geflügelten Einvolumen- Geschossen kaum unterschied (09_16). Welchem Zweck Industriedesign in Loewys Augen unterworfen war, benennt am besten der Titel der deutschen Ausgabe seiner selbstbewussten Biografie: Häßlichkeit verkauft sich schlecht. Die Erlebnisse des erfolgreichsten Formgestalters unserer Zeit (09_31, 09_32). Gestaltung bezog ihre Reputation und gesellschaftliche Funktion für ihn aus nichts anderem als kommerzieller Instrumentalisierung zur Verkaufshilfe – präzise das Gegenteil des Motivs, dem sich Jarays wissenschaftliche Disziplin verdankte. Loewy hielt folglich also auch an, einem jeden Gebrauchswert, dessen Form zu überholen er angeheuert wurde, die sinnlose Tauschwertform der Geschwindigkeit zu verleihen.

gebildet – dem Bakelit. Auf Teague geht auch die hier ausgestellte fusiforme Tischuhr zurück. Sie vergreift sich an Jarays Spindelform, um ausgerechnet einem Zeitmesser den Widerspruch eines beeilten Schauspielerinnen und Schauspielern verknüpft. Ihre Profils zu verleihen.

Ursprünglich war das experimentelle Fahrzeug, bei dem der Visionär Buckminster Fuller mit seinem Freund, dem Bildhauer Noguchi, kooperierte, ein beispieloses Konzept für ein in allen drei Medien Luft, Wasser und an Land einsetzbares Transportmittel. Bei höherer Geschwindigkeit, so die erste Idee, sollte es mit seinem rückwärtigen Ende abheben und alleine von einem als Seitenruder fungierenden Heckleit werk gelenkt werden.

fig. 2–3, 5 ISAMU NOGUCHI, Gipsmodelle aus der Entwicklung des Dymaxion Cars von RICHARD BUCKMINSTER FULLER als Skulpturen fotografiert. DL

Offenbar ging Fuller dabei von seinen aeronautischen Studien aus, denen ein genaues Wissen über Jarays Zeppelin-Formen vorausging. Dies belegt etwa eine Entwurfsskizze, die die Imagination eines vorgefertigten Prefab-Hochhauses umreißt, das von einem Jaray’schen Luftschiff gleichsam gepflanzt wird – in den von ihm selbst verursachten Bombenkrater. Die Zeichnung entstand in ebenjenem Jahr 1927, in dem Fuller die ersten Notizen zu einer automobilen Inkarnation seines Leitmotivs zu Papier brachte, wie schon der Name nahelegt: Er führte es unter dem Titel Dymaxion Car nach dem von ihm geprägten Neologismus, der sich aus den englischen Begriffen dynamic, maximum und tension zusammensetzt.

Das Vorhaben stand unter dem heuristischen Motiv der comprehensivity, eines umfassenden Maßstabs universeller Vollständigkeit als Entwurfsprinzip.


VITRINE 10 Gegenmoderne Die Kritik der Maschine

Sieht man ab von Alfred Kubins (1877–1959) schon um Aber schon im nachträglich verfassten Vorwort mach- 1902 entstandener pessimistischer Diagnose der Be- te Giedion einen Zwiespalt geltend, wenn er schreibt: schleunigung des Lebens als verhängnisvollem Fort- „Am Anfang dieser Untersuchung stand der Wunsch, schritt in den Abgrund, beginnt der Zweifel am Automobil Gestalt anzunehmen mit John Heartfield (1891– 1968), dem mit seinem Bruder Wieland Herzfelde gegründeten Malik-Verlag und dessen Publikation eines Buchs von Ilja Ehrenburg (1891–1967).

Es hieß im russischen Original lakonisch 10 PS, die 1930 publizierte deutsche Ausgabe Das Leben der Autos, und erzählt in reportageartigen Episoden von den Härten, mit denen die Produktionsbedingungen für diejenigen verbunden sind, die die Ware des Kraftfahrzeugs und seine Rohstoffe in Lohnarbeit erzeu- Ta t s ä c h l i c h i s t e r i m Ve r l a u f s e i n e r u m f ä n g l i c h e n Fo r - gen müssen (10_01). Heartfield fügte dem Band als Vor- und Nachsatzpapier zwei Fotografien von André Kertész (1894–1985) bei (10_04). Die erste davon veranschaulicht vielleicht zum ersten Mal den Konflikt, automatisierte Form des industriellen Schlachtens den dieses Objekt der Begierde seiner Gesellschaft be- von Schweinen und der Verarbeitung ihres Fleisches, reitet, in der es, massenhaft werdend, in eskalierender Weise Raum beansprucht. Die proletarische Perspektive auf die inhumane Seite der Automobilproduktion verroht und grausam. „Sogar wenn es tot ist, widerist auch Gegenstand der Geschichte der fordistischen Vereinigten Staaten von Upton Sinclair (1878–1968), betrifft die Lebensmittel, die sich im Zuge der unter die in der Ausgabe bei Malik Autokönig Ford hieß (10_02). Für die Umschlaggestaltung des sozialkritischen Romans griff der „Monteurdada“ genannte Heartfield auf ein Werbebild der Auto Union mit wandten. „Der Schritt vom Gesunden zum Ungesunder Front des Lucca-Wagens zurück (10_06). In seiner Collage wird dessen Kühlergrill zum vergitterten Gefängnisfenster, aus dem Henry Ford blickt.

Den expliziten Übergang zur Kritik der Maschinenwelt mit dem Auto als ihrem am meisten wie ein Ersatz- Aktes“ Ausdruck gibt, in dem sich der „massenweise objekt für menschliche Omnipotenz verehrten Totem Übergang vom Leben zum Tod“ leistete allerdings erst Sigfried Giedions (1888–1968) imposantes Werk Mechanization Takes Command (10_03). Giedion erarbeitete es in seiner Zeit in den USA, wo es 1948 erschien, während die deutsche Ausgabe denkwürdigerweise erst 34 Jahre später folgte – Kriegsmaschine verschlungen wurde. lange nach dem Tod des Verfassers und dann erst in 15 der Sprache, in der es geschrieben wurde.

einer Feier der Weltaneignung durch die industrialisierte Zivilisation, als Betrachtung des Wachstums in der Techne (τέχνη) der Mittel, die den Menschen zunehmend aus der Naturabhängigkeit emanzipieren. Sieht man ab von Alfred Kubins (1877–1959) schon um Aber schon im nachträglich verfassten Vorwort mach- 1902 entstandener pessimistischer Diagnose der Be- te Giedion einen Zwiespalt geltend, wenn er schreibt: schleunigung des Lebens als verhängnisvollem Fort- „Am Anfang dieser Untersuchung stand der Wunsch, schritt in den Abgrund, beginnt der Zweifel am Auto-die Auswirkungen der Mechanisierung auf den Menmobil Gestalt anzunehmen mit John Heartfield (1891– schen zu begreifen und zu erkennen, bis zu welchem 1968), dem mit seinem Bruder Wieland Herzfelde Punkte die Mechanisierung mit den unverändergegründeten Malik-Verlag und dessen Publikation lichen Gesetzen der menschlichen Natur im Einklang steht und in welchem Maße sie ihnen wider- 17 spricht.“ Noch deutlicher wird Giedion in einem Es hieß im russischen Original lakonisch 10 PS, die 1930 kurz vor seinem Tod notierten Rückblick: „Die Schlussfolgerung von ‚Mechanization Takes Command‘ deuund erzählt in reportageartigen Episoden von den tet auf das kommende Ende der rationalen Auffassung 18 Härten, mit denen die Produktionsbedingungen für der Welt.“ diejenigen verbunden sind, die die Ware des Kraft-

diejenigen verbunden sind, die die Ware des Kraftfahrzeugs und seine Rohstoffe in Lohnarbeit erzeu- Ta t s ä c h l i c h i s t e r i m Ve r l a u f s e i n e r u m f ä n g l i c h e n Fo r - 01). Heartfield fügte dem Band als schung im US-amerikanischen Exil auf zwei Phä- Vor- und Nachsatzpapier zwei Fotografien von André nomene getroffen, die ihn an seiner Parteinahme für 04). Die erste davon ver-die Moderne irre werden ließen. Das eine war die anschaulicht vielleicht zum ersten Mal den Konflikt, automatisierte Form des industriellen Schlachtens den dieses Objekt der Begierde seiner Gesellschaft be- von Schweinen und der Verarbeitung ihres Fleisches, reitet, in der es, massenhaft werdend, in eskalierender die nicht anders betrieben wurde als die Automobil- Weise Raum beansprucht. Die proletarische Perspek-produktion – im Fließbandbetrieb. Sie erschien ihm tive auf die inhumane Seite der Automobilproduktion verroht und grausam. „Sogar wenn es tot ist, wider- 19 ist auch Gegenstand der Geschichte der fordistischen setzt sich das Schwein der Maschine.“ Das andere Vereinigten Staaten von Upton Sinclair (1878–1968), betrifft die Lebensmittel, die sich im Zuge der unter die in der Ausgabe bei Malik Autokönig Ford hieß den Zwängen der Konkurrenz zustande kommen- 02). Für die Umschlaggestaltung des sozialkriti-den industrialisierten Warenformen, die speziell Brot schen Romans griff der „Monteurdada“ genannte und Milch annahmen, gegen ihren Ausgangspunkt Heartfield auf ein Werbebild der Auto Union mit wandten. „Der Schritt vom Gesunden zum Ungesun- 06). In sei-den ist nirgends so klein wie auf dem Gebiet der Nah- 20 ner Collage wird dessen Kühlergrill zum vergitterten rung.“ Giedion, der immer wieder seine distanzierte Haltung zum Beschriebenen betont, beschließt das Kapitel Mechanisierung und Tod, indem er seiner Er- Den expliziten Übergang zur Kritik der Maschinen-schütterung über die „vollkommene Neutralität des welt mit dem Auto als ihrem am meisten wie ein Ersatz- Aktes“ Ausdruck gibt, in dem sich der „massenweise 21 objekt für menschliche Omnipotenz verehrten Totem Übergang vom Leben zum Tod“ vollzieht, und zum leistete allerdings erst Sigfried Giedions (1888–1968) anderen mit der rhetorischen Frage, ob diese Automatisation des Sterbens nicht Wirkungen auf die 03). Giedion erarbeitete es in seiner Zeit in den Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs hatte, auf de- USA, wo es 1948 erschien, während die deutsche Aus-nen es menschliches Schlachtvieh war, das von der gabe denkwürdigerweise erst 34 Jahre später folgte – Kriegsmaschine verschlungen wurde. lange nach dem Tod des Verfassers und dann erst in

sich der Stromlinienform, um durch die Gestaltung Der deutlichste Ertrag, den Hamilton aus der Beder Karosserie den visuellen Eindruck der Schnelligkeit kanntschaft mit Mechanization Takes Command zog, zu vermitteln, die der Ingenieur der Maschine verliehen 22 hat.“

sich der Stromlinienform, um durch die Gestaltung Der deutlichste Ertrag, den Hamilton aus der Beder Karosserie den visuellen Eindruck der Schnelligkeit kanntschaft mit Mechanization Takes Command zog, zu vermitteln, die der Ingenieur der Maschine verliehen dessen Ikonografie und mit Bewunderung vermengtem technischem Kulturpessimismus, war indes sein Ausstellungskonzept für Man, Machine & Motion, das Dass der Autor in der technologievermittelten Eman-er ganz im Sinne der Vorlage als „visuelle Studie über die Beziehung des Menschen zu seinen Bewegungs- Denaturierung bemerkt, flicht in die der heroischen maschinen“ betrachtete (10_13). Epoche des Fortschrittsgeists gewidmeten Unter-

Dass der Autor in der technologievermittelten Emanzipation von Naturzwängen eine Verkehrung und Denaturierung bemerkt, flicht in die der heroischen Epoche des Fortschrittsgeists gewidmeten Untersuchung eine tragische Note ein. Insbesondere ein Hamilton führte die einflussreiche Schau 1955 gleich

suchung eine tragische Note ein. Insbesondere ein Hamilton führte die einflussreiche Schau 1955 gleich Künstler hat sie bemerkt, und mit ihm – könnte man sagen – hebt die Gegenmoderne an.

In der Ausbildung von Richard Hamilton (1922–2011) Institute of Contemporary Art (ICA). Er verwirklichberührten sich wie bei Giedion die beiden Sphären von Kunst und Technik. Seine erste systematische künstlerische Arbeit, die 1950 auch zu einer wenig be-

künstlerische Arbeit, die 1950 auch zu einer wenig bekannten ersten Ausstellung in einer kleinen Londoner Galerie führte, artikulierte sich in 17 Radierungen eines reapers, einer mechanischen Mähmaschine, in Zweierlei war bei dieser Veranstaltung, in der sich jenem Jahr 1948, da er zwei Anregungen erfuhr, die

jenem Jahr 1948, da er zwei Anregungen erfuhr, die anhaltende Spuren in seinem Œuvre zeitigten: Die eine manifestierte sich in der beeindruckten Lektüre von Giedions eben erschienenem visuellem Univer-

Epoche des Fortschrittsgeists gewidmeten Untersuchung eine tragische Note ein. Insbesondere ein Hamilton führte die einflussreiche Schau 1955 gleich Künstler hat sie bemerkt, und mit ihm – könnte man zweimal auf. Zuerst in einer Galerie in Newcastle upon Tyne, wo er einem Lehrauftrag an der lokalen Uni - versität nachkam, im Anschluss dann am Londoner In der Ausbildung von Richard Hamilton (1922–2011) Institute of Contemporary Art (ICA). Er verwirklichberührten sich wie bei Giedion die beiden Sphären te dabei eine Zeigeweise mit rechtwinklig in Stahlvon Kunst und Technik. Seine erste systematische rahmen gefassten, großen, auf Platten aufgezogenen, künstlerische Arbeit, die 1950 auch zu einer wenig be-historischen Dokumentarfotografien, die er auch fürkannten ersten Ausstellung in einer kleinen Londoner derhin beibehalten sollte. Galerie führte, artikulierte sich in 17 Radierungen

Während dies der Literatur bekannt wurde, ist die zweite anzunehmende Bezugnahme von Hamiltons Radierungszyklus der Forschung bislang entgangen: die Zurschaustellung einer Selbstentfremdung in der Wenn Duchamp nämlich den Rotationsapparat, der in

die als Schlitten bezeichnete Vorrichtung neben den neun Verkörperungen männlicher Professionen einge- Paolozzi, der den Begriff Archaeology of a Used Future baut ist, eine Wassermühle nennt, ist dies eine bewusste Irreführung. Das von Wasserkraft angetriebene Rad hätte dicht an dicht gesetzter Schaufeln bedurft, versachlichten Diesseits der Dingwelt sogar eine um kontinuierlichen Vortrieb zustande zu bringen. Kopie von Jarays erstem in Serienproduktion reali- Hier liegt hingegen ein Räderwerk aus Scherblättern vor, den Messerklingen der automatischen Sichel, die in der Erfindung der McCormick Harvesting Unverkennbar inspiriert durch Richard Hamiltons Machine Company unablässig kreisend ihr Werk Ve ra r b e i t u n g d e r S c h r i f t G i e d i o n s i n Man, Machine & tut. Genau die Typologie eines solchen Getriebes Motion, kam es mehr als zehn Jahre später im MoMA entfaltete der Bildteil in Sigfried Giedions Material- (Museum of Modern Art) 1968 in New York zu einer sammlung reichhaltig.

So verwendet zum Beispiel auch Eduardo Paolozzi bei der dabei erfolgten Lektüre begegnet sein muss, (1924–2005) als Population der mechanisierten Welt ist einmal die auf einem Notizzettel befindliche ten- jene stählernen Panzerhüllen, die die Natur des menschtative Unterschrift, die der Autor dem Namen der lichen Körpers vermittels behelmter Rüstungen von Glastafel La mariée mise à nu par ses célibataires, même Tiefseetauchern in Skaphandern, Druck-, Schutz- und Raumanzügen, in roboterhaften Futteralen also, überwinden, um ihm den Anschein eines humanoiden Maschinenwesens zu geben (10_15). Offenkundig liegt hier keine Huldigung der gesellschaftlichen Produktivkraftentwicklung mehr vor, sondern Radierungszyklus der Forschung bislang entgangen: die Zurschaustellung einer Selbstentfremdung in der Anwendung des Technischen.


Prinzips. Die von Pontus Hultén (1924–2006) orga- Zehn Jahre später tauchen zwei Künstlerkollektive nisierte extensive Präsentation schrieb sich die Abstandnahme vom Glauben an eine technisierte Zukunft gleich in den Titel: The Machine as Seen at the End of the Mechanical Age (10_14).

Im folgenden Jahr kommt im Paris der Studentenunruhen eine Gründungsschrift der Postmoderne heraus. Ant Farm war eine im Geist des Underground und La Société de consommation von Jean Baudrillard (1929–2007) räumt der Verspottung des gesellschaft- tekturstudenten Doug Michels (1943–2003) und Chip lichen Fetischismus für ihr Automobil gehörigen Lord (* 1944) gegründete Gruppe von Architekten, Platz ein. Der Werbefotografie eines zeitgenössischen Kreativen und Videokünstlern der counter-culture, Armaturenbretts ist die Kapitelüberschrift „Die formelle Liturgie des Objekts“ zur Seite gestellt und die- 1978 bestand. Zwei ihrer einflussreichsten und sich se Bildbeschriftung: „Die Messuhren, das Steuer, die Kontrollorgane: Hier liest der Mensch seine Macht ab, die Energien, die er beherrscht, den Raum, den er beherrscht. Das Cockpit ist die geschlossene Sphäre des 23 _ Übermenschen, wo er mit der Welt quitt ist.“ (10 05)

Bereits vorher setzte die Geschichte der Aktionskunst Heckflossenmode der 1948er- bis 1960er-Modelle von im Happening ein. Sie begann in ihren frühesten Aufführungen mit einem doppelten Skandalon, für dessen provozierenden Charakter der Erfinder des Te r m i n u s z w e i m a l e i n e n A f f r o n t g e g e n d i e A d m i r a - tion für das Automobil speziell in seiner US-amerikanischen Heimat in den Mittelpunkt rückte. Es war Die tail-fns dieser Straßenkreuzer gehen auf die An- Allan Kaprow (1927–2006), der mit einer Brüskierung der kulturellen Ehrerbietung am automobilen Traum und seiner Familienkutsche rüttelte.

Für die erste dieser Veranstaltungen, sie hieß Yard, in Mode, als Jaray selbst das als Ableitung von seinen benutzte Kaprow 1961 den leeren Hinterhof neben Luftschiffen erdachte Leitwerk zur Verbesserung des seiner New Yorker Martha Jackson Gallery, um einen Berg gebrauchter Autoreifen aufzuschichten. Dieses sinnliche Environment bot er dem Belieben des Pub- Ve r h ö h n u n g d i e s e r t o d e r n s t e n a u t o m o b i l e n Wa re nlikums zur Benutzung an, einem pervertierten Spielplatz verwandt, der aus den nach Gummi stinkenden dreckigen schwarzen Residuen der Abfallhalde der begleitet von der historischen Phase der Ölpreiskrise, mobilen Gesellschaft bereitet war (10_09).

Die andere Aktion, eine Ereigniskette mit grober Dramaturgie, fand unter dem bösen Titel Household drei Jahre später im Auftrag der Cornell University in Ithaca/NY statt (10_08). Nicht auf dem Campus, sondern auf einer verlassenen Müllhalde versammelte der Farm die Methoden der französischen Revolutionäre Künstler seine Mitakteure, subsumiert unter die Kategorien Frauen, Männer und Volk. Unbeteiligtes Publikum war nicht vorgesehen. Die strikte Geschlech- Kommune, aus der General Idea entstand. tertrennung reflektierte die Situation in den Studentenheimen. Kurz gefasst bestand der Tag darin, dass Während die prankster von Ant Farm ohne Wissen um die Männer ein Autowrack als geschlachtete Beute an den heimatlichen Herd schleppten, die Frauen auf dessen Blechkarosse aufgetragene Erdbeermarme- Partz, Jorge Zontal und AA Bronson auf ebendiese lade ableckten, die Männer daraufhin die Karosse in Pariser Vorbilder, die ihre flamboyanten Bewunderer Brand setzten, um den ausgeglühten Rest mit Rammböcken und vom Volk gereichten Vorschlaghämmern zu zertrümmern. Nach hupender Abfahrt der Frauen saß das ermattete Volk noch eine Weile schweigend Lucca-Wagen wahrscheinlich nur in Form der von und Zigaretten rauchend um den schwelenden Rest. ihm benutzten Dinky-Toys- und Renwal-Spielzeug-

Prinzips. Die von Pontus Hultén (1924–2006) orga- Zehn Jahre später tauchen zwei Künstlerkollektive auf, eines in Kanada, das andere in Kalifornien, um die Kritik am Automobil in einer Gestalt vorzuführen, die stark auf Kaprows Pionierleistung für alle folgenden medialen und performativen Ausdrucksformen beruhte.

hen eine Gründungsschrift der Postmoderne heraus. Ant Farm war eine im Geist des Underground und des Jahrs der Studentenrevolte 1968 von den Archi- (1929–2007) räumt der Verspottung des gesellschaft- tekturstudenten Doug Michels (1943–2003) und Chip lichen Fetischismus für ihr Automobil gehörigen Lord (* 1944) gegründete Gruppe von Architekten, Platz ein. Der Werbefotografie eines zeitgenössischen Kreativen und Videokünstlern der counter-culture, die bis zum Verlust ihres Studios bei einem Brand melle Liturgie des Objekts“ zur Seite gestellt und die- 1978 bestand. Zwei ihrer einflussreichsten und sich notorisch gegen alle Americana versündigenden Aktionen waren der Kritik am Autofetischismus zugedacht: Das eine ist das Performancevideo Media Burn (1975), das andere die in der Wüste von Texas zur Skulptur gewordene Performance Cadillac Ranch (1974). In ihr wurde eine vollständige Taxonomie der Bereits vorher setzte die Geschichte der Aktionskunst Heckflossenmode der 1948er- bis 1960er-Modelle von Cadillac mit der Front voraus in der Wüste vergraben, sodass die flossenbewehrten Hälften der Luxuslimousinen einem Fanal gleich schräg aus dem Boden ragten.

kanischen Heimat in den Mittelpunkt rückte. Es war Die tail-fns dieser Straßenkreuzer gehen auf die Aneignung der Idee einer Stabilisierungsflosse bei Jarays frühen Karosseriekonzepten zurück, verkehrten sich hier aber zu einer funktionslos-symbolischen Pathosformel von Velozität. Sie kamen just in dem Moment Für die erste dieser Veranstaltungen, sie hieß Yard, in Mode, als Jaray selbst das als Ableitung von seinen benutzte Kaprow 1961 den leeren Hinterhof neben Luftschiffen erdachte Leitwerk zur Verbesserung des Geradeauslaufs für das Auto aus Einsicht in negative Effekte verwarf. Auch in Media Burn spielt die sinnliche Environment bot er dem Belieben des Pub- Ve r h ö h n u n g d i e s e r t o d e r n s t e n a u t o m o b i l e n Wa re n- ästhetik des futuristischen Zitats von Raketenflügeln eine prominente Rolle. Beide Installationen waren dreckigen schwarzen Residuen der Abfallhalde der begleitet von der historischen Phase der Ölpreiskrise, die dem selbstbewussten Autoamerica einen ersten Schock zufügte (10_16, 10_18–10_23).

1930er-Jahre gezogen wurde, nichts ahnte, wählte ihn als zukunftsweisendes Paradigma für das programmatische Antiauto (10_12, 10_24, 10_26).

tertrennung reflektierte die Situation in den Studentenheimen. Kurz gefasst bestand der Tag darin, dass Während die prankster von Ant Farm ohne Wissen um die Männer ein Autowrack als geschlachtete Beute die europäischen Anleitungen zu ihrer Ausprägung an den heimatlichen Herd schleppten, die Frauen auf der Spektakelkritik vorstießen, bezogen sich Felix dessen Blechkarosse aufgetragene Erdbeermarme- Partz, Jorge Zontal und AA Bronson auf ebendiese lade ableckten, die Männer daraufhin die Karosse in Pariser Vorbilder, die ihre flamboyanten Bewunderer Brand setzten, um den ausgeglühten Rest mit Ramm-kaum in ihren Kreisen geduldet hätten. 1967 gegrünböcken und vom Volk gereichten Vorschlaghämmern det, bestand General Idea bis zum Aidstod von Partz zu zertrümmern. Nach hupender Abfahrt der Frauen und Zontal im Jahr 1994. Felix Partz, der Paul Jarays saß das ermattete Volk noch eine Weile schweigend Lucca-Wagen wahrscheinlich nur in Form der von und Zigaretten rauchend um den schwelenden Rest. ihm benutzten Dinky-Toys- und Renwal-Spielzeugmodelle kannte (10_25), hingegen von den politischen Implikationen des Nutzens, der aus dem Vorbild der

Dieser Gegenentwurf von 1973 hatte zwei wesentliche Ausstattungsmerkmale: In seiner originalen Form als Packpapiercollage in Lebensgröße – sie befindet sich in der National Gallery of Canada in Ottawa – ist das The Miss General Idea Vehicle getaufte Simulakrum für die bestrittene Zukunft des Automobils in die papierdünne zweite Dimension zurückgedrängt. So wird dem maßlosen Platzbedarf widersprochen, mit dem seine Warengattung den gesellschaftlichen Raum okkupiert. Überdies rollt es statt auf Rädern auf Kreissägeblättern, denn es ist als Fahrzeug gedacht, das seine eigene Infrastruktur, die Straße, im Vollzug seiner Funktion selbst vernichtet und aufhebt (10_27).

Wie sagte AA Bronson: „In the search for utopia you 24 absolutely have to get rid of the car.“

fig. 1 ANT FARM (Chip Lord, Doug Michels, Curtis Schreier mit Tom Weinberg), Media Burn: The moment of impact at the Phantom Dream Car breaks on through the other side!, Performancevideo, Foto: CHIP LORD (San Francisco: 4.07.1975). AI

fig. 2 ANT FARM (Chip Lord, Doug Michels, Curtis Schreier mit Tom Weinberg), Media Burn, Performancevideo, Foto: JOHN F. TURNER (San Francisco: 1975). AI


SKULPTUREN Überwindung des Statischen Die Epoche der Geschwindigkeitsdarstellung

sinnlicher Parameter, der Raum und Zeit dinglich ver- Die Form der Zeit besagt der Werbeslogan (01_29), mit knüpft. In jeder Automobilkarosserie bildet sich mit dem die Adlerwerke 1937 das Aussehen ihres Auto-dem c bahnwagens mit einer Veranschaulichung von Jarays ten verhelfenden Strömungseigenschaft eine Verdingfluiddynamischen Einsichten verbanden – freilich lichung von Zeit ab: eine Form der Zeit. Temporale ohne seinen Namen zu nennen. Zwar beruft sich die- Eigenschaften werden vermittelt über die je eigenser Spruch lediglich auf eine Beschwörung des Zeit- tümliche Disposition zu Schnelligkeit unmittelgeists, aber er formuliert in einer zweiten Lesart ein bar sichtbar in einem charakteristischen plastischen philosophisches Paradox, das hilfreich ist, den Gegen- Äußeren. Ob sie widerstandslos anliegenden laminastand dieses Projekts und insbesondere den drama-ren Flow oder aber Turbulenzen hervorbringt, ist der tischen Paradigmenwechsel in der Kunstgattung der Gestalt mit einer gewissen Plausibilität anzusehen. Skulptur am Anfang des 20. Jahrhunderts zu begreifen. Diesen Gedanken der Reifikation von Zeit in einem

In der Epoche des deutschen Idealismus, wie sie mit Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft 1781 be- Errungenschaften der Strömungsmechanik geben. gann, schienen der Philosophie die Begriffe Raum und Dass die Formeigenschaft eines Körpers Einfluss auf das Zeit unhandliche Gegenstände für vernünftige Über- Tempo seiner Fortbewegung im Raum hat, bedurfte legungen. Kant nannte sie „Anschauungsformen“, des wissenschaftlichen Nachweises. Seine Populadie allem Denken als seine Bedingungen so sehr risierung erfuhr er vor allen anderen Medien durch vorausgesetzt sind, dass der Verstand sie selbst nicht zu erreichen vermag. Da sie die Formen der sinnlichen Zeppelin-Luftschiffe, die den Körper des geringsten Anschauung darstellen und in jeder Wahrnehmung Widerstandes als kolossale Zukunftsvision in riesenalso immer schon bestimmend unterstellt werden, hafter Weise weithin sichtbar verkörperten. Sie waren sind sie a priori transzendentale Bedingungen der das Werk Paul Jarays. Erfahrung insgesamt. Einfacher gesagt, bereiten sie so sehr die selbstverständlichen Strukturen allen Bis zu einem auf den Anfang der 1930er-Jahre erstaun- Erkennens und sind damit so leere Abstraktionen, lich genau datierbaren Wendepunkt war die statidass man ihnen als Thema des Erkennens mit einem Bedürfnis nach konkretem Verstehen nicht beikommt. bisweilen heroisch geprägten, Menschenbild zuge-

Daran gemessen ist die im Alltag geläufige Messgröße der Stundenkilometer, wie die Maßzahl des Quotien- wurde ihr besonderes Lob zuteil für die Ausarbeitung ten Kilometer pro Stunde oder km/h im Volksmund heißt, eine Überraschung. Denn sie setzt als Maß der hens-auf-Sich in diesen Gestalten“. Im Widerspruch Geschwindigkeit die Zeit und den Raum mittels der Rechenoperation einer Division in ein Verhältnis. Seit wandte sich ihre avancierte Praxis mit einem Schlag, Anfang des 20. Jahrhunderts und der wissenschaftlichen Debatte, an der Jaray großen Anteil hatte, war Ideale der Ambition zu, Bewegung abzubilden. Mehr zudem dies zur Gewissheit geworden: Jedem mobilen Rumpf ist die dynamische Kraft des Fluids entgegen- ten Themen und wesentlichen, manchmal einzigen gesetzt, in dem er mobilisiert ist. Bewegt man ver- Inhalten geworden zu sein. schieden geformte Körper mit derselben Kraft, ist die erreichte Geschwindigkeit abhängig von einem spe- In diesem Feld der Kultur lagen dabei zwei Zugangszifischen Formfaktor. Dieser ist im Widerstandsbei- weisen zum Inspirationsquell der Aerodynamik vor. wert der Strömung beschrieben, abgekürzt cw-Wert, einem dimensionslosen Maß. Seine Referenzgröße 1 Manche Autoren in der Sphäre der Skulptur bildeten kennzeichnet den reinen Staudruck, wenn eine Wand die vollständige Abbremsung des Wasser- oder Luftstroms bewirkt.

c_{w}

Distanz benötigt, von dieser Gestalteigenschaft, vulgo seiner Windschnittigkeit, abhängig ist, entsteht mit der räumlichen Silhouette des bewegten Objekts ein sinnlicher Parameter, der Raum und Zeit dinglich ver- 29), mit knüpft. In jeder Automobilkarosserie bildet sich mit dem die Adlerwerke 1937 das Aussehen ihres Auto-dem cw-Wert in der ihr zu höheren Geschwindigkeibahnwagens mit einer Veranschaulichung von Jarays ten verhelfenden Strömungseigenschaft eine Verdingfluiddynamischen Einsichten verbanden – freilich lichung von Zeit ab: eine Form der Zeit. Temporale ohne seinen Namen zu nennen. Zwar beruft sich die- Eigenschaften werden vermittelt über die je eigenser Spruch lediglich auf eine Beschwörung des Zeit- tümliche Disposition zu Schnelligkeit unmittelgeists, aber er formuliert in einer zweiten Lesart ein bar sichtbar in einem charakteristischen plastischen philosophisches Paradox, das hilfreich ist, den Gegen- Äußeren. Ob sie widerstandslos anliegenden laminastand dieses Projekts und insbesondere den drama-ren Flow oder aber Turbulenzen hervorbringt, ist der tischen Paradigmenwechsel in der Kunstgattung der Gestalt mit einer gewissen Plausibilität anzusehen. Skulptur am Anfang des 20. Jahrhunderts zu begreifen. Diesen Gedanken der Reifikation von Zeit in einem

Skulptur am Anfang des 20. Jahrhunderts zu begreifen. Diesen Gedanken der Reifikation von Zeit in einem In der Epoche des deutschen Idealismus, wie sie mit dreidimensionalen Raumgebilde kann es erst seit den Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft 1781 be- Errungenschaften der Strömungsmechanik geben. gann, schienen der Philosophie die Begriffe Raum und Dass die Formeigenschaft eines Körpers Einfluss auf das Zeit unhandliche Gegenstände für vernünftige Über- Tempo seiner Fortbewegung im Raum hat, bedurfte legungen. Kant nannte sie „Anschauungsformen“, des wissenschaftlichen Nachweises. Seine Populadie allem Denken als seine Bedingungen so sehr risierung erfuhr er vor allen anderen Medien durch die weltumspannende plötzliche Sichtbarkeit der erreichen vermag. Da sie die Formen der sinnlichen Zeppelin-Luftschiffe, die den Körper des geringsten Anschauung darstellen und in jeder Wahrnehmung Widerstandes als kolossale Zukunftsvision in riesenalso immer schon bestimmend unterstellt werden, hafter Weise weithin sichtbar verkörperten. Sie waren sind sie a priori transzendentale Bedingungen der das Werk Paul Jarays.

einem dimensionslosen Maß. Seine Referenzgröße 1 Manche Autoren in der Sphäre der Skulptur bildeten kennzeichnet den reinen Staudruck, wenn eine Wand sich tatsächlich einen naturwissenschaftlichen und die vollständige Abbremsung des Wasser- oder Luft-mathematischen Begriff von den gerade stattfindenden technischen Durchbrüchen. Die Brüder Naum Gabo (1890–1977) und Anton Pevsner (1884–1962) Anschaulich wird diese Qualität eines Volumens, der gehören zu diesen der Konstruktion verpflichteten dynamischen Strömung eines Fluids zu widerstehen, Plastikern. Radikaler als diese und selbstbewusster in einem erhellenden Lehrmodell aus dem alten im Bezug seines Werks auf die formale Grundlage Archiv der Luftschiffbau Zeppelin. Die kleinste Scheibe in topologischen Gleichungen ist Étienne (István) verursacht denselben Luftwiderstand wie die ver- Beöthy, dessen pointiert Espace-temps genannte gleichsweise voluminöse optimierte Spindelform. Da Arbeit von 1935 eine geradezu wörtliche Darstelmithin die Zeit, die ein Körper in Abhängigkeit von lung des Übergangs von laminarem zu turbulentem seiner Geschwindigkeit bei gleichbleibender Vor- Flow zum Ausdruck bringt (p. 85). Auch bei dem triebsenergie für das Zurücklegen einer gewissen Dadaisten Kurt Schwitters (1887–1948) finden sich

so sehr die selbstverständlichen Strukturen allen Bis zu einem auf den Anfang der 1930er-Jahre erstaun- Erkennens und sind damit so leere Abstraktionen, lich genau datierbaren Wendepunkt war die statische Ausdrucksform der Bildhauerei vor allem dem, Bedürfnis nach konkretem Verstehen nicht beikommt. bisweilen heroisch geprägten, Menschenbild zugewandt. Wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770– 1831) in seinen Vorlesungen zur Ästhetik bemerkte, der Stundenkilometer, wie die Maßzahl des Quotien- wurde ihr besonderes Lob zuteil für die Ausarbeitung eines in mehreren Hinsichten Ruhenden, „des Beruheißt, eine Überraschung. Denn sie setzt als Maß der hens-auf-Sich in diesen Gestalten“. Im Widerspruch zu dieser fixierten, stillgestellten Natur der Skulptur25 Rechenoperation einer Division in ein Verhältnis. Seit wandte sich ihre avancierte Praxis mit einem Schlag, so will es scheinen, in plötzlicher Verkehrung ihrer chen Debatte, an der Jaray großen Anteil hatte, war Ideale der Ambition zu, Bewegung abzubilden. Mehr noch: Motorik, Kinetik, Tempo schienen zu inners- Rumpf ist die dynamische Kraft des Fluids entgegen- ten Themen und wesentlichen, manchmal einzigen gesetzt, in dem er mobilisiert ist. Bewegt man ver- Inhalten geworden zu sein.

schieden geformte Körper mit derselben Kraft, ist die erreichte Geschwindigkeit abhängig von einem spe- In diesem Feld der Kultur lagen dabei zwei Zugangszifischen Formfaktor. Dieser ist im Widerstandsbei- weisen zum Inspirationsquell der Aerodynamik vor. -Wert, einem dimensionslosen Maß. Seine Referenzgröße 1 Manche Autoren in der Sphäre der Skulptur bildeten

überraschend Verfahrensweisen präziser Berechnung nigte der Skulptur bessere Strömungseffizienz im bei der Formdefinition von Werken, wie im Fall der Hyperschallbereich als allem, was die US Air Force in 27 Speed getauften exponentiellen Funktion (p. 83). Bei den letzten Dekaden erreicht habe. Fritz Schleifer und Siegfried Ebeling ließ sich feststel-

überraschend Verfahrensweisen präziser Berechnung bei der Formdefinition von Werken, wie im Fall der Hyperschallbereich als allem, was die US Air Force in Speed getauften exponentiellen Funktion (p. 83). Bei Fritz Schleifer und Siegfried Ebeling ließ sich feststellen, wie das Bauhaus in einigen Klassen im Kontakt Bei anderen mit der Plastik befassten Autoren spielt mit dem jüngsten Wissensstand der aerodynamischen Forschung war. Dass also auch Oskar Schlemmer (1888–1943) sich an der strömungstechnischen Spindel- Paul Jaray ins Gewicht fiel: Die Termini Biomimetik, form orientieren konnte, ebenjener, die Schleifer Biomorphie oder zuletzt meist Bionik kamen erst nach seinen Schülern zur Konstruktion aufgegeben hatte, 1960 auf, aber schon in der frühesten Historie strömungsund sie vor allem den geometrisch-anthropomorphen Körpern seiner Tanzpuppen einbeschrieb, überrascht (1773–1857), wird beim Umriss des Delphins Hilfe deshalb nicht (p. 86). Bei zahlreichen Vertretern der Avantgarde stellte sich

Bei zahlreichen Vertretern der Avantgarde stellte sich der Zugang zur Natur von Bewegungsabläufen und ihren Strömungsverhältnissen über die Vertrautheit mit Mareys Chronofotografien und Rauchkanalexperimenten her. Hier müssen die Futuristen Balla, Alexander Archipenko (1887–1964) und Max Bill Boccioni, Russolo und Anton Giulio Bragaglia (1890– (1908–1994) an (pp. 82–84). Letzterer war Jaray selbst 1960) genannt werden sowie neben Duchamp František Kupka und Max Ernst. Letzteren bescherte die Einsichtnahme in Mareys ingeniöse Visualisierungen dem Auge unzugänglicher Vorgänge einen abrupten 1949 verfassten Essay Schönheit aus Funktion und Wechsel malerischer Stile. So stellte der erfolgreiche tschechische Symbolist František Kupka (1871–1957) seine gegenständliche Manier in dem Moment ein, da er glaubte, durch die Wissenschaft zu einer substanzielleren Schau der Wirklichkeit vorgedrungen zu sein. Erkenntnisse, die jahrelang mißachtet wurden, als sie Ähnlich Max Ernst, der die in La Nature abgedruckten ersten Windkanal-Einblicke 1935 peinlich genau abmalte und den Ertrag mit Blind swimmers (Effect of a touch) beschriftete.

Fritz Schleifer und Siegfried Ebeling ließ sich feststellen, wie das Bauhaus in einigen Klassen im Kontakt Bei anderen mit der Plastik befassten Autoren spielt eine intuitive Zugangsweise zur Strömungslehre eine Forschung war. Dass also auch Oskar Schlemmer größere Rolle, die allerdings auch in der Praxis von (1888–1943) sich an der strömungstechnischen Spindel- Paul Jaray ins Gewicht fiel: Die Termini Biomimetik, form orientieren konnte, ebenjener, die Schleifer Biomorphie oder zuletzt meist Bionik kamen erst nach seinen Schülern zur Konstruktion aufgegeben hatte, 1960 auf, aber schon in der frühesten Historie strömungsdynamischer Forschung, etwa bei George Cayley Körpern seiner Tanzpuppen einbeschrieb, überrascht (1773–1857), wird beim Umriss des Delphins Hilfe gesucht und auch Jaray ließ auf seiner letzten Visitenkarte die Silhouette eines Fischs das gleichermaßen für Paul und die mathematische Konstante stehende π durchdringen (02_45). An solche Vorbilder orgaihren Strömungsverhältnissen über die Vertrautheit nischer Formen knüpften die um fließende Linien mit Mareys Chronofotografien und Rauchkanalex-bemühten Skulpturen von Hans Arp (1886–1966), perimenten her. Hier müssen die Futuristen Balla, Alexander Archipenko (1887–1964) und Max Bill Boccioni, Russolo und Anton Giulio Bragaglia (1890– (1908–1994) an (pp. 82–84). Letzterer war Jaray selbst 1960) genannt werden sowie neben Duchamp Fran-begegnet, schätzte dessen Arbeit und erhob sie an der von ihm mitbegründeten Ulmer Hochschule für Gestaltung sogar zum Lehrgegenstand. In seinem dem Auge unzugänglicher Vorgänge einen abrupten 1949 verfassten Essay Schönheit aus Funktion und als Funktion nimmt Max Bill die Rationalität Jarays tschechische Symbolist František Kupka (1871–1957) in Schutz gegen ihre Ausbeutung durch die Waren- ästhetik: „So ist die heutige Stromlinienkarosserie er glaubte, durch die Wissenschaft zu einer substanzi-der Autos in vielen Fällen reiner Formalismus, und die elleren Schau der Wirklichkeit vorgedrungen zu sein. Erkenntnisse, die jahrelang mißachtet wurden, als sie von Jaray noch in ihrer reinen Form patentiert waren, 28 ersten Windkanal-Einblicke 1935 peinlich genau ab-werden nun als Modesache aufgezogen.“

Welche ästhetische Faszination von den richtungs - „die Aufösung statischer Masse“ und die Betrachtung weisenden Entwicklungen im Feld der Ingenieurswissenschaften ausging, belegt auch eine von Fernand Léger (1881–1955) kolportierte Anekdote. Vom Kunsthistorikerin Carola Giedion-Welcker (1893– eme gemeinsamen Besuch der Pariser Luftfahrtschau 4 Exposition de la Locomotion Aérienne von 1912 im Buch Moderne Plastik von 1937. Grand Palais ist seinem Zeugnis nach das berühmt jahr lässt erkennen, dass die Autorin imstande war, gewordenen Bonmot Duchamps gegenüber dem Bildhauer Constantin Brâncus#i (1876–1957) überliefert, sich zu entwickelter Form entfaltet oder gar die Anerals er diesem gegenüber nach langer schweigsamer kennung der Musealisierung erfahren hätte. Das Betrachtung des Objekts geäußert haben soll: „Das ist das Ende der bildenden Kunst. Wer könnte es besser

26 machen als dieser Propeller? Du vielleicht?“ Brâncus#i, Kategoriensprung in der plastischen Kunst mit der der es als seine Lebensaufgabe ansah, „die Essenz des Naturwissenschaft, speziell der Haltung des Wiener Fliegens plastisch zu bewältigen“, wandte sich darauf- Kreises, einging. Sie wusste darum, dass in einer fuid hin der Verfertigung seines berühmten Oiseau dans l’espace von 1922 zu. Eine weitere Pointe will es, dass Ray verglich sie ästhetische Schöpfung mit mathemader nordamerikanische Zoll bei der Betrachtung ei- tischen Modellen. Sie wusste, dass diese geschichtner zur Verschiffung gelangten polierten stählernen Fassung dieser Vogelskulptur die Einfuhrgebühren Bewegung in den Raum im Erkenntnisinteresse am für ein Flugzeugteil beaufschlagen wollte. Deswegen sah sich der zeitgenössische Konzeptkünstler Iñigo Manglano-Ovalle (* 1961), der sich mehrfach in Grenzgebieten wissenschaftlicher Methoden bewegte, herausgefordert, Repliken dieser Plastik Brâncus#is dem Experiment in einem Hypersonic-Windkanal mit zehnfacher Schallgeschwindigkeit auszusetzen (p. 86). Der den Versuch leitende Aerodynamiker beschei-

Die geschichtlich sich vollziehende „Transmutation statischer hin zu dynamischer Wertzuschreibung“, Welche ästhetische Faszination von den richtungs - „die Aufösung statischer Masse“ und die Betrachtung weisenden Entwicklungen im Feld der Ingenieurs-der Raum-Zeit-Beziehung räumlicher Volumina verwissenschaften ausging, belegt auch eine von Fer-stand als Erste die mit Sigfried Giedion verheiratete nand Léger (1881–1955) kolportierte Anekdote. Vom Kunsthistorikerin Carola Giedion-Welcker (1893– 1979) in ihrem zu Unrecht in Vergessenheit geratenen 29 Exposition de la Locomotion Aérienne von 1912 im Buch Moderne Plastik von 1937. Das Erscheinungs- Grand Palais ist seinem Zeugnis nach das berühmt jahr lässt erkennen, dass die Autorin imstande war, gewordenen Bonmot Duchamps gegenüber dem ihren Gegenstand zu bestimmen, noch bevor dieser Bildhauer Constantin Brâncus#i (1876–1957) überliefert, sich zu entwickelter Form entfaltet oder gar die Anerals er diesem gegenüber nach langer schweigsamer kennung der Musealisierung erfahren hätte. Das Betrachtung des Objekts geäußert haben soll: „Das macht den von ihr errungenen Begriff umso achtungist das Ende der bildenden Kunst. Wer könnte es besser gebietender. Sie wusste um die Beziehung, die dieser Brâncus#i, Kategoriensprung in der plastischen Kunst mit der der es als seine Lebensaufgabe ansah, „die Essenz des Naturwissenschaft, speziell der Haltung des Wiener Fliegens plastisch zu bewältigen“, wandte sich darauf- Kreises, einging. Sie wusste darum, dass in einer fuid hin der Verfertigung seines berühmten Oiseau dans balance die Kraft den Raum formt; wie später Man l’espace von 1922 zu. Eine weitere Pointe will es, dass Ray verglich sie ästhetische Schöpfung mit mathemader nordamerikanische Zoll bei der Betrachtung ei- tischen Modellen. Sie wusste, dass diese geschichtner zur Verschiffung gelangten polierten stählernen liche Formierung der Skulptur als Projektion der Fassung dieser Vogelskulptur die Einfuhrgebühren Bewegung in den Raum im Erkenntnisinteresse am für ein Flugzeugteil beaufschlagen wollte. Deswegen jüngsten Stand der Ingenieursvernunft gründete. sah sich der zeitgenössische Konzeptkünstler Iñigo Manglano-Ovalle (* 1961), der sich mehrfach in Grenz-